Natürlich ist es purer Zufall, dass just zwei Tage vor dem Besuch des türkischen Außenministers Cavusoglu bei seinem „persönlichen Freund“ Sigmar Gabriel endlich Bewegung in den Fall des wegen Terror-Vorwurfs inhaftierten Journalisten Deniz Yücel kommt. In der Türkei ist die Justiz ja bekanntlich völlig unabhängig. Doch Spaß beiseite: Solange Präsident Erdogan einen einzigen deutschen Bürger wegen solch absurder Anschuldigungen in türkischen Gefängnissen schmoren lässt, kann von einer Rückkehr zur Normalität keine Rede sein.
Immerhin: Die seit Wochen anhaltende Charme-Offensive Ankaras gegenüber Deutschland und Europa – der Sultan antichambriert heute bei Frankreichs Präsident Macron – ist ein begrüßenswertes Signal dafür, dass Ankara langsam wieder zur Vernunft kommt, zumindest was seine außenpolitischen Interessen betrifft. (Die verkündete 17-jährige Haftstrafe für den früheren Fraktionschef der prokurdischen HDP lässt in puncto Innenpolitik leider keinerlei Optimismus zu.) Der Leidensdruck, etwa durch das Ausbleiben deutscher Touristen und Investitionen, hat diesen Sinneswandel mit Sicherheit beeinflusst. Ohne enge wirtschaftliche Kooperation mit Europa lässt sich der Wirtschaftsboom in der Türkei kaum aufrechterhalten. Aber auch Europa hat ein Interesse an stabilen Beziehungen zum Nato-Partner am Bosporus als Vorposten gegen die Brandherde des Nahen Ostens. Und wenn man schon beim Beseitigen alter Fehler ist, könnte man das leidige Thema EU-Beitritt endlich auch abräumen und das Verhältnis auf eine neue, ehrliche Basis stellen.
Alexander Weber
Sie erreichen den Autor unter
Alexander.Weber@ovb.net