Seeon – Für einen Moment schaut Alexander Dobrindt verdutzt. Die CSU habe doch die letzten vier Jahre mitregiert, sagt ein Reporter, warum habe man denn da die bürgerliche Handschrift nicht herausarbeiten können? „Wir haben in der Tat regiert“, antwortet der CSU-Landesgruppenchef nach kurzem Zögern, „und zwar in einer Großen Koalition.“ Das soll so bleiben, sagt er, aber trotzdem könne alles anders werden. Regieren mit der SPD – aber ohne „Weiter so“, ohne „Kleinklein“.
Es wirkt ein wenig improvisiert, als Dobrindt das sagt und dabei neben CSU-Chef Horst Seehofer im Tagungsgebäude in Kloster Seeon steht. Nicht mehr um große Botschaften sollte es jetzt eigentlich gehen – der konservative Kurs, die Papiere zu Asylgesetzen und Sozialpolitik sind längst bekannt. Jetzt wäre der Moment für schöne Bilder im Schnee. Auch diesmal sind vor dem Kloster die Kamerastative aufgebaut, aber leider auch große Regenschirme. Vom Himmel fällt mal Sprühregen, mal kommen dicke Tropfen. Am Abend muss sogar ein Parkplatz wegen Überflutung geräumt werden. Aus den Motiven mit verschneiter Winterlandschaft wird da nichts. Die übelmeinende Hauptstadtpresse könnte ja dann titeln: Die CSU im Regen. Da flüchten Dobrindt und Seehofer lieber ins Trockene.
Doch so falsch wäre der Titel nicht. Bundestagsabgeordnete und Partei müssen einiges wiedergutmachen in den kommenden Monaten – nach dem Jamaika-Scheitern, vor einer neuen GroKo, dazu die Landtagswahl in Bayern, die mit dem Verlust der absoluten Mehrheit enden könnte. Der konservative Kurs soll die Rettung bringen. Seeon ist erst der Auftakt.
Um 13.18 Uhr läutet Dobrindt das Klausur-Glöckchen und die Türen schließen sich für die Öffentlichkeit. Einiges dringt aber doch nach draußen. Seehofer mahnt die Abgeordneten zur Geschlossenheit: Die CSU müsse in der Lage sein, eine Regierung zu bilden, ohne ihr Profil zu beschädigen. Man müsse bei der GroKo inhaltliche Stärke beweisen, also hart sondieren. Er meint damit die Themen Obergrenze, weitere Aussetzung des Familiennachzugs, Kürzungen bei Asylbewerberleistungen – alles Forderungen, die der SPD massiv Probleme bereiten. Die Koalition sei aber, das ist die andere Seite der Doppelstrategie, „besser als jede Alternative“, sagt Seehofer. Die Abgeordneten applaudieren lang. Das ist bemerkenswert nach den Querelen samt Machtkampf der vergangenen Wochen.
Vor dem Mikro sagt der CSU-Chef, das 61-Seiten-Sondierungspapier der Jamaika-Verhandlungen trage er noch immer bei sich. Es sei keine Grundlage für die GroKo, aber „der Beweis“, dass es ein gutes Konzept für die Zukunft Deutschlands gebe. Einem neuen Regierungsanlauf mit der FDP erteilt er eine Absage – im Bund und in Bayern. „Da braucht mir auch keiner kommen.“ Doch noch ist die Bayern-Wahl weit weg.
In Seeon geht es auch um Außenpolitik. Am Donnerstag empfängt die CSU Greg Clark, den britischen Wirtschaftsminister. Trotz Brexits wolle man ein enges Verhältnis beibehalten, sagt Dobrindt, zu groß sei die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit. Am Freitag erwartet die Landesgruppe dann den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban – nicht nur eine typisch-provokante, sondern auch intern umstrittene Einladung. Seehofer sagt aber: „Partner müssen miteinander reden.“ Er will das auch unter vier Augen tun. Man solle vorsichtig sein „mit Besserwisserei“. Orban stehe auf dem Boden rechtsstaatlicher Grundsätze.
Wer all das nicht mitbekommt, ist Markus Söder. Er bleibt der Winterklausur fern. Intern wird das als „gute Lösung“ bezeichnet – als Noch-Finanzminister hat er wenig mit Berlin und der Landesgruppe zu tun. Die Bühne soll Seehofer gehören. Bei der Klausur der Landtags-CSU Mitte Januar in Banz bekommt Söder dann seinen großen Auftritt. Dort geht es wieder um große Bilder – wenn das Wetter mitspielt.