Manchmal mutet das Gebaren der Grünen schon kurios an: Die 8,9-Prozent-Partei scheint es für so selbstverständlich zu halten, in Cem Özdemir über einen der beliebtesten Politiker des Landes zu verfügen, dass sie ihn gnadenlos auf die Hinterbank schickt, weil es die internen Befindlichkeiten angeblich erfordern. Wichtiger als die Zustimmung in der Bevölkerung scheint die Befriedung der konkurrierenden Flügel in der Fraktion. Dass Özdemir vor nicht allzu langer Zeit in einer Urwahl von der Basis nominiert wurde (übrigens explizit gegen den designierten Parteichef Robert Habeck), zählt offenbar nichts mehr.
Ob sich die Partei damit einen Gefallen tut, darf man bezweifeln. Özdemir war während des Wahlkampfes zunehmend zu ihrem Gesicht gereift, stand deutlich mehr im Fokus als seine Kollegin Katrin Göring-Eckardt. Das Ergebnis fiel nicht überragend aus, aber angesichts einer keineswegs günstigen Grundstimmung recht ordentlich – wohl nicht zuletzt deshalb, weil er bei Themen wie Asyl oder Türkei offensichtliche Probleme nicht blind mit grünen Grundsätzen überlagerte. Vor diesem Hintergrund klingt Özdemirs Ankündigung fast wie eine Drohung: „Ich werde mir die Freiheit nehmen, mir Gehör zu verschaffen, wenn mir ein Thema wichtig ist.“ Der offensichtlich tief getroffene Spitzenkandidat mag es nicht zum Fraktionsvorsitzenden schaffen, der Titel „König der Talkshows“ wäre ihm damit sicher. Wenn er das will, kann Özdemir den Grünen auf diesem Weg noch eine Menge Ärger bereiten.
Generell sollte sich die Partei hinterfragen, ob ihr kompliziertes System aus Doppelspitzen und Mehrfachquoten noch zeitgemäß ist. Während die Frauenförderung tatsächlich gut funktioniert, war der Lager-Aufteilung schon unter der scheidenden Vorsitzenden Simone Peter ein zweifelhafter Erfolg beschieden. In Bayern, wo es keine Polarisierung der Flügel gibt, setzt zumindest die Fraktion darauf, die besten Köpfe an die Spitze zu wählen. Klingt – für nicht-grüne Ohren – verblüffend logisch.
Mike Schier
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