München – Die meisten Tore schoss er in der U-19-Nationalmannschaft, nämlich neun – in 15 Spielen. Von der U 17 bis zur U 21 kickte Deniz Naki in allen deutschen Auswahlteams, außerdem stieg er mit dem FC St. Pauli in die erste Bundesliga auf. Dass er heute beim türkischen Drittligisten Amed SK spielt, hat eher nichts mit fehlendem Talent zu tun, sondern mit Politik. Der Verein repräsentiere das kurdische Volk, sagte Naki in einem Interview. Lukrative Angebote aus Europa habe er abgelehnt, um etwas für die Kurden zu tun.
Naki, 28 und kurdischer Abstammung, ist das Gegenteil eines Diplomaten-Kickers. Er gilt als Provokateur und Kritiker der türkischen Regierung. Im Frühjahr 2017 verurteilte ihn ein türkisches Gericht wegen „Terrorpropaganda“ für die militante PKK sogar zu einer Bewährungsstrafe von 18 Monaten. Naki hatte sich in sozialen Netzwerken mit getöteten Kurden solidarisiert. Ein halbes Jahr zuvor war er für den gleichen Vorwurf noch freigesprochen worden.
Aber angesichts der Ereignisse von Sonntagabend ist das beinahe harmlos. Gegen 23 Uhr schossen Unbekannte mitten auf der A 4 bei Düren auf den Wagen, in dem Naki unterwegs war. Der Fußballer blieb unverletzt. „Ich wusste immer, dass so etwas kommen kann“, sagt er am Montagmorgen der „Welt“ und äußert einen Verdacht. Er glaube, dass der türkische Geheimdienst MIT hinter den Schüssen stecke „oder ein anderer, dem meine politische Haltung nicht passt“. Auch die zuständige Staatsanwaltschaft in Aachen betonte, sie ermittele in alle Richtungen. Eine politisch motivierte Tat sei nicht auszuschließen.
Ein Fußballer als Ziel von türkischen Agenten – und das mitten in Deutschland?
So abenteuerlich das klingen mag, ganz abwegig ist es in den Augen mancher nicht. Die Kurdische Gemeinde Deutschland spricht auf ihrer Homepage von einer „politisch motivierten Tat“, weil Naki vielen Türken als „Staatsfeind“ gelte. Die Hamburger Linken-Politikerin Cansu Özdemir schrieb auf Twitter, Oppositionelle in Deutschland seien vor den „Mordkommandos Erdogans“ nicht sicher. „Die ernste Bedrohungslage darf nicht weiterhin verharmlost werden.“
Selbst die türkische Justiz wurde Ende Dezember 2017 hellhörig. Auslöser war eine Rede des oppositionellen HDP-Politikers Garo Paylan im türkischen Parlament. Er sagte, ihm lägen Informationen vor, die zeigten, dass Oppositionelle in Deutschland und anderen Staaten Europas ermordet werden sollen. Wer dahintersteckt, sagte er nicht, sondern sprach von „abtrünnigen Netzwerken innerhalb des Staates“, die die Dinge in die Hand nähmen. Die Staatsanwaltschaft in Ankara leitete laut der Nachrichtenagentur Dogan Ermittlungen ein.
Die hiesigen Behörden weisen das zurück. Ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums sagte auf Anfrage, die Sicherheitsbehörden reagierten stets auf Einzelfälle. „Derzeit gibt es keine konkreten Gefahrenhinweise für türkische Oppositionelle in Bayern.“ Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums erklärt, man nehme etwaige Hinweise sehr ernst. Für eine „konkrete Gefährdung“ regimekritischer Personen lägen aber keine Anhaltspunkte vor. Auch die Existenz einer „Todesliste“, von der der HDP-Mann Paylan sprach, kann das Ministerium nicht bestätigen.
Dass der Geheimdienst MIT in Deutschland und Europa einigermaßen umtriebig ist, deutet sich immer wieder an. Experten zufolge sollen allein in der Bundesrepublik bis zu 6000 Spitzel und Agenten arbeiten. Im Fokus stehen vor allem Anhänger des umstrittenen Predigers Fethullah Gülen, der nach Ansicht der türkischen Regierung hinter dem gescheiterten Putsch-Versuch vom Juli 2016 steckt. Der MIT war es auch, der eine Liste mit Namen von 358 Gülen-Anhängern an den Bundesnachrichtendienst weitergab. Im Falle der Ermordung dreier kurdischer Aktivistinnen in Paris im Januar 2013 besteht sogar der Verdacht, dass Agenten des MIT verwickelt waren.
Was den Angriff auf Deniz Naki angeht, gibt es bisher nur wenig Klarheit. Die Schüsse seien aus einem Kombi abgefeuert worden, sagte er, zwei Kugeln hätten sein Auto getroffen. Nach den Tätern kann laut Staatsanwaltschaft noch nicht gefahndet werden. Es fehlen schlicht die Hinweise.