Graubärtig wie Martin Schulz und schmallippig wie Ralf Stegner, das ist die SPD des Jahres 2018. Und so agiert sie auch: übellaunig und verkniffen. Sogar das Regieren erscheint ihr als tonnenschwere Last. Die alte Tante ist ein Fall für die Psychiater-Couch. Doch kann alle ärztliche Kunst die Sozialdemokraten nicht von ihren tiefen Depressionen heilen. Denn diese wurzeln im Liebesentzug für die lange vom „Genossen Trend“ verwöhnte SPD durch die Wähler. Und dieser Liebesentzug folgt einem Gezeitenwechsel, den die Genossen total verschlafen haben: Es ist die Abwendung der Bürger von den Idealen der 68er-Bewegung und die Hinwendung zu konservativen Werten.
Nicht mehr revolutionäre Phrasen von Gleichheit und sozialistischer Internationale entfesseln inmitten von Globalisierung und einer neuen Völkerwanderung Sehnsüchte bei den Menschen. Heute sind es so altmodische Dinge wie Heimat, Familie, kulturelle Identität und Rechtsstaatlichkeit, die zärtliche Gefühle wecken. Der CSU-Mann Alexander Dobrindt hat das im Prinzip zutreffend erkannt, auch wenn man seinen missverständlichen Kampfbegriff von der „konservativen Revolution“ schon im Sinne seines lateinischen Ursprungsworts „revolvere“ (zurückdrehen) deuten muss, um ihn richtig zu verstehen.
Zu ihrem großen Unglück hat die SPD heute wenig in ihrem Bauchladen, was sie ihren Wählern anbieten könnte, um deren Bedürfnis nach Wärme zu erfüllen. Während ihre liberale Migrationspolitik meist nur noch Ablehnung und Widerwillen auslöst, werden ihre sozialen Anliegen achselzuckend abgetan. Das ideelle Vakuum füllen andere: die Spahn-Söder-Union, die einen neuen Patriotismus propagiert. Die AfD, die den Wunsch nach Identität ressentimentgeladen, autoritär und nationalistisch überspitzt. Und die Linke, die unter Führung des Ehepaars Lafontaine/Wagenknecht eine neue links-nationale Sammlungsbewegung mit einer rigiden Flüchtlingspolitik ins Leben rufen will. Sie wäre, käme sie zustande, der Untergang einer SPD, die vergessen hat, dass eine Volkspartei ihrem Volk zu dienen hat – und nicht einer sich in ihren kosmopolitischen Fantasien gefallenden Funktionärsschicht.
Georg Anastasiadis
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