München – In einer Rede von 2005, die längst als historisch gilt, fand der damalige türkische Ministerpräsident überraschend klare Worte. Es stehe einer großen Nation nicht gut zu Gesicht, Fehler der Vergangenheit zu ignorieren, sagte er – und die Türkei habe in ihrer Kurdenpolitik viele Fehler gemacht. Er sprach von Sünden, Aufarbeitung und Frieden mit den Kämpfern der kurdischen PKK. Kein anderer türkischer Politiker hatte sich bis dahin so weit aus dem Fenster gelehnt wie er: Recep Tayyip Erdogan.
Die Rede in der Kurdenmetropole Diyarbakir war bahnbrechend. Und sie verhallte nicht einfach so, im Gegenteil. Der türkische Geheimdienst und die PKK trafen sich zu Gesprächen, zuerst geheim, dann offiziell. Auch nach außen reiften Beziehungen, vor allem zu den Kurden im Nordirak. Sollte der Irak zerbrechen, sagte ein türkischer Regierungssprecher noch 2014, werde man ein unabhängiges Kurdistan anerkennen.
Ein eigener Staat – oder zumindest mehr Autonomie. Dafür kämpfen die Kurden seit inzwischen 100 Jahren, nicht nur in der Türkei. Aber ihre Geschichte ist eine Geschichte enttäuschter Hoffnungen. Dazu zählt die Tatsache, dass Erdogan sein Friedensversprechen fallen ließ, als ihm die Kurdenpartei HDP zu stark wurde. Und dazu zählt der türkische Militäreinsatz gegen die Kurdenmiliz YPG im nordsyrischen Afrin. Terror-Bekämpfung, heißt es offiziell. Aber vor allem will Erdogan die Entstehung eines Kurdenstaates verhindern. Und der Westen, der die YPG gerade noch im Kampf gegen den IS brauchte, schaut müde zu.
„Die Kurden wurden in der Vergangenheit von ganz verschiedenen Seiten instrumentalisiert“, sagt der Berliner Politikwissenschaftler Günter Seufert. Von den Briten, den Türken, den Iranern. Und jetzt von den USA. Man kann das blauäugig nennen, aber dahinter steckte stets die Hoffnung, auf der Gewinnerseite zu stehen und mehr Selbstbestimmung zu erlangen. Aus eigener Kraft gelang das nicht.
Eigentlich paradox, denn beim Blick auf die Weltkarte erscheint ein kurdischer Staat als natürliche Angelegenheit. Die Mehrheit der 30 Millionen Kurden lebt in vier Ländern (siehe Karte), die Gebiete, die sie besiedeln, hängen zusammen. Seufert sagt: „Es gibt ein geografisches Kurdistan.“ Dass es kein politisches gibt, hängt mit der willkürlichen Grenzziehung der Kolonialmächte nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende des Osmanischen Reiches zusammen. Die Interessen der Kurden fielen damals schlicht hinten runter, sie wurden auf die neu geschaffenen Staaten aufgeteilt. Die Briten, die zunächst die Gründung eines Kurdenstaates betrieben, stellten ihre Bemühungen mit Rücksicht auf die erstarkende Bewegung um Mustafa Kemal Atatürk in der Türkei ein.
Hier liegt der Ursprung einer Unterdrückung, die teils bis heute fortwirkt. In der Türkei gipfelte der Versuch, die kurdische Kultur zu negieren, in der Gründung der PKK durch Abdullah Öcalan. Bis heute sollen rund 40 000 Menschen ums Leben gekommen sein. Die blutigen Anschläge der PKK trugen mindestens genauso dazu bei wie die staatliche Gewalt. Im Irak formierten sich 1987 verschiedene kurdische Gruppen zu einer Allianz. Diktator Saddam Hussein reagierte darauf mit der „Anfal-Operation“, bei der alleine 180 000 Menschen durch Giftgas starben und 1,5 Millionen weitere flohen.
Im Irak, genauer: im Norden des Landes, spielt interessanterweise die größte Erfolgsgeschichte der Kurden in jüngerer Zeit. Seit etwa 20 Jahren genießen sie weitgehende Unabhängigkeit von Bagdad, die ölreiche Region um die Stadt Kirkuk spült Geld in die Kassen. „Die irakischen Kurden arbeiten seit Jahren auf einen eigenen Staat hin“, sagt Politologe Seufert – anders als die PKK und ihre Schwesterorganisationen, die eher auf Autonomie im bestehenden Staatengebilde abzielen. 2017 wagten die irakischen Kurden um ihren Präsidenten Masud Barzani den entscheidenden Schritt und hielten ein Referendum über ihre Unabhängigkeit ab. 93 Prozent sprachen sich dafür aus, aber die Zentralregierung in Bagdad erkannte das Ergebnis ebenso wenig an wie die internationale Gemeinschaft.
Inzwischen, das ist die Kehrseite der Geschichte, droht auch dieses Gebiet im Chaos zu versinken. Ende 2017, gleich nach dem gescheiterten Referendum, rückten irakische Truppen in die Region vor, um sie, so hieß es, von den Kurden zurückzuerobern. Der Westen ließ Bagdad quasi freie Hand.
Wer nach den Ursachen dafür sucht, dass es bislang keinen eigenständigen Kurdenstaat gibt, der wird auch hier einen Teil der Antwort finden: „In der gesamten politischen Landschaft gibt es niemanden, der das wünscht“, sagt Seufert. Man könnte auch sagen: Die Kurden haben keine Lobby. Zu groß ist die Angst davor, dass die künstlichen Grenzen im Nahen Osten auf einmal revidierbar erscheinen. Andererseits sind eben jene Grenzen spätestens seit Beginn des Arabischen Frühlings durchlässiger, die Staaten fragiler geworden. Die Kurdenfrage war lange in erster Linie ein türkisches Problem. „In Syrien hat sie sich internationalisiert.“
Ein eigener Staat sei langfristig vorstellbar, sagt Seufert. Zumal sich in der sehr heterogenen Gruppe der Kurden in den vergangenen 50 Jahren ein „Nationalgefühl“ gebildet habe, das es vorher nicht gab. Auf absehbare Zeit bleiben sie aber wohl das, was sie seit 100 Jahren sind: das größte Volk ohne Land.