München – Nach Jahren der Krise nähert sich Griechenland dem Ende des dritten internationalen Rettungspakets. Diese Woche stimmten die Euro-Finanzminister noch einmal einer Auszahlung von weiteren 6,7 Milliarden Euro an Athen zu. Im Sommer sollen die Geldspritzen endgültig Geschichte sein. Ob diese Hoffnung realistisch ist, darüber sprachen wir mit Dr. Matthias Kullas vom Freiburger Centrum für europäische Politik.
-Von der Eurogruppe gab es viel Lob für Griechenland. EU-Währungskommissar Moscovici erwartet, dass die Krise in Hellas bald vollkommen hinter uns liegt. Teilen Sie diesen Optimismus?
Nein, den teile ich nicht. Die Zahlen, die wir für die Beurteilung Griechenlands heranziehen, zeigen, dass sich die Lage durch die drei Hilfspakete nicht entscheidend verbessert hat. Die Kreditfähigkeit des Landes nimmt weiter ab.
-Woran liegt das?
In Griechenland schrumpft der Kapitalstock seit 2011. Das heißt, es gibt zu wenig private und öffentliche Investitionen, gleichzeitig wird zuviel konsumiert. Das Land lebt immer noch über seine Verhältnisse.
-Aber es wurde doch überall gespart und gekürzt. Was sollen die Menschen noch aushalten?
Ja, deshalb ist die übliche Griechen-Schelte nicht angebracht. Das verfügbare Einkommen in Griechenland ist tatsächlich jahrelang gesunken, der Konsum auch. Aber eben nicht so stark wie der Rückgang bei den Einkommen. Deshalb wirken die schmerzhaften Einschnitte nicht.
-Trotz milliardenschweren Hilfen verarmt das Land weiter?
Unterm Strich ja. Das Land kommt nicht auf die Beine. Nicht nur das verfügbare Einkommen der Menschen schrumpft, das Produktionskapital, das nötig ist, um Wachstum zu generieren, schrumpft genauso.
-Sie gehen also davon aus, das Griechenland noch ein viertes Hilfspaket braucht?
Über kurz oder lang, ja. Ich halte es zwar für nicht unwahrscheinlich, dass Athen für kurze Zeit an die Märkte zurückkehren kann, weil es im Moment einen konjunkturellen Aufwärtstrend gibt. Aber dieser Trend ist nicht nachhaltig.
-Heißt das, die Rettungspakete seit 2010 haben gar nichts bewirkt?
Das nicht. Positiv muss man immerhin sehen, dass Griechenland seinen Haushalt besser in den Griff bekommen und die Regierung gespart hat. Wie bereits erwähnt wächst die Wirtschaft auch etwas. Kritisch muss man neben dem schrumpfenden Kapitalstock aber auch feststellen, dass die Investitionen des Staates zurückgefahren wurden. Ich sehe Griechenland deshalb nicht auf einem Weg, auf dem es sich in absehbarer Zeit selbst finanzieren kann.
-Es fehlt an Investitionen, gleichzeitig flieht Kapital aus dem Land. Warum schafft es Athen nicht, dieses Geld für Investitionen im Land zu halten?
Letzten Endes liegt es wohl daran, dass die griechische Regierung von den Reformen nicht überzeugt ist. Sie befolgt sie nur, weil die Geldgeber Druck machen, weil es sonst keine Hilfsgelder gibt. Deshalb entfalten diese Maßnahmen keine positive Wirkung.
-Die von den Euro-Partnern und dem IWF verordnete Therapie war Ihrer Meinung nach also nicht falsch?
Nein, das ist ein Stück Psychologie. Man kann das vergleichen mit einem Patienten, der glaubt, dass der Arzt ihn vergiftet. Die beste Medizin wirkt nicht, wenn der Kranke sie nur nimmt, weil der Arzt ihn dazu zwingt. Der Patient muss selber an die positive Wirkung glauben. Aber dieser Glaube fehlt nicht nur der griechischen Regierung, sondern auch der Bevölkerung.
-Wer könnte den Griechen diesen Glauben einimpfen?
Man bräuchte einen griechischen Macron, der Reformen positiv besetzen und die Leute überzeugen kann. Momentan ist der aber nicht in Sicht.
Interview: Alexander Weber