Davos – Angela Merkel kennt die Sorgen ihrer internationalen Partner und der Wirtschaftsführer aus aller Welt. Deswegen gießt die Kanzlerin ihre zentrale Botschaft in einen einfachen, klaren Satz: „Deutschland will ein Land sein, das auch in Zukunft seinen Beitrag leistet, um gemeinsam in der Welt die Probleme der Zukunft zu lösen.“ Mitten in der Regierungsbildung hat sie Berlin für einen Tag verlassen, um den im verschneiten Davos versammelten Wirtschaftsführern und politischen Größen zu versichern: Ihr könnt weiter mit Deutschland rechnen. Und mit mir.
Lange hat Merkel gezögert, ob sie angesichts der wackeligen Lage zuhause tatsächlich zum Weltwirtschaftsforum reisen soll. Doch zu groß war im Kanzleramt die Sorge, dass sich bei den internationalen Partnern der Eindruck festsetzt, die als mächtigste Frau der Welt bekannte Kanzlerin verliere rapide an Macht. Kurz vor dem Start der Koalitionsverhandlungen mit der SPD hatte sich Merkel deswegen den Termin freigehalten, um in der Schweiz eine Antwort auf die Frage zu geben, welche Rolle Deutschland und sie selbst künftig international spielen würden.
Das Signal, das die Kanzlerin sendet, hat inhaltlich nicht überrascht. Und auch europapolitisch ist es nicht die langersehnte detaillierte Antwort auf die Reformvorschläge ihres jungen französischen Partners Emmanuel Macron. Doch die war ohnehin jetzt noch nicht zu erwarten – Merkel muss auf die Verhandlungen mit den Sozialdemokraten Rücksicht nehmen. Dafür schickt Merkel erneut unzweideutige Signale Richtung Donald Trump, der heute in Davos erwartet wird. Auf ein persönliches Zusammentreffen wollte sich die Kanzlerin wohl auch wegen ihrer aktuell diffizilen Lage nicht einlassen. Doch Merkels Botschaft wird den US-Präsidenten auch so erreichen. Vor Abschottung und neuem Nationalismus warnt die Kanzlerin – und jeder im Auditorium weiß, wer gemeint ist, auch wenn sie den Namen Trump nicht in den Mund nimmt.
„Wir glauben, dass Abschottung uns nicht weiterführt. Wir glauben, dass wir kooperieren müssen, dass Protektionismus nicht die richtige Antwort ist“, sagt Merkel. Deutlicher kann ihre Absage an die Politik des mächtigen Amerikaners nicht ausfallen. Stattdessen setzt sie lieber darauf, dass Deutschland als Kraft des Multilateralismus auftritt – in einem gemeinsamen, wirtschaftlich starken Europa. Auch deshalb wiederholt Merkel einen Satz, der schon früher als starke Abgrenzung zu dem einstmals engsten westlichen Partner verstanden worden war: „Wir müssen unser Schicksal mehr in die eigene Hand nehmen.“ Mehr Distanz zu Trump geht kaum. Gleich zu Beginn ihrer Rede zieht die Kanzlerin einen weiten Bogen zu den Katastrophen des 20. Jahrhunderts mit den zwei Weltkriegen. So macht sie die Bedeutung klar, die sie einer multilateralen Lösung der Krisen dieser Welt gibt: „Haben wir nun wirklich gelernt aus der Geschichte, oder haben wir es nicht?“, fragt sie rhetorisch in den Saal.
Ganz zum Schluss hat Klaus Schwab, der Gründer des Weltwirtschaftsforums, eine persönliche Frage an die Kanzlerin. Sie sei ja in den letzten Monaten durch schwierige Verhandlungen gegangen. Aus eigener Erfahrung könne er sagen: In all diesen Phasen lerne man ja auch etwas dazu, sagt der 79-Jährige fast väterlich. Wie sei das bei ihr?
Merkel fällt dazu als allererstes das Wort „Geduld“ ein. Sie habe die Lage in den vergangenen Wochen „viel intensiver durchdacht als vorher“, räumt sie ein. Als Schwab Merkel dann für die Restphase ihrer Verhandlungen alles Gute wünscht und verspricht: „Wir sind immer da, seit jetzt vielen Jahren, um Sie zu unterstützen und zu begleiten“, wird es der Kanzlerin dann doch zuviel des Guten.
Lächelnd wehrt sie ab: „Bitte nicht zu bemitleidend.“