Neuwahl des Parteivorsitzes

Der neue Superstar der Grünen

von Redaktion

Von Teresa Dapp und Wolfgang Schmidt

Kiel – Aus seinem Büro in Etage 10 des Umweltministeriums hat Robert Habeck bei gutem Wetter einen tollen Blick über die Kieler Förde. Bis Heikendorf, wo er sein Abi machte, zum Marine-Ehrenmal Laboe und hinaus auf die Ostsee. Ein weiter Horizont. „Für einen Grünen und einen Schleswig-Holsteiner ist das ein Traumjob hier“, schwärmt der 48-Jährige. Und doch will er weg. Der Grüne, der seiner Partei neue Horizonte eröffnen möchte, will das aufgeben für die Bundesgeschäftsstelle direkt neben Europas größter Klinik Charité, mitten in der Enge und dem Lärm Berlins.

„Jeder sieht doch, wie schwer mir das gefallen ist“, sagt er und meint seine Kandidatur für den Parteivorsitz. Nun fällt in Hannover die Entscheidung über die Nachfolge von Cem Özdemir und Simone Peter. Dass Habeck ein guter Parteichef wäre, das sagen viele seit Jahren. Jetzt macht Özdemir für ihn Platz an der Doppelspitze. Seine Wahl gilt als sicher – soweit man das bei den Grünen sein kann. Fraglich ist eher, ob ihm die Delegierten Annalena Baerbock, 37, oder Anja Piel, 52, an die Seite stellen werden.

Habeck ist bio und cool, das brauchen die Grünen. Ein vierfacher Vater, Surfer, studierter Germanist und Philosoph, Schriftsteller, der auch gemeinsam mit seiner Frau Andrea Paluch mehrere Bücher geschrieben hat. Ein Politik-Quereinsteiger, der es schnell zum Landesvorsitzenden, Fraktionschef im Landtag, Landesminister und Vize-Ministerpräsidenten gebracht hat. Mal schelmischer, mal ernsthafter grau-melierter Blondschopf, der seine Gedanken in langen Blogeinträgen und sorgfältig geschnittenen Videos kundtut, von schräg unten gefilmt, manchmal in Schwarz-Weiß. Habeck inszeniert sich als „Draußenminister“, als Naturbursche in Gummistiefeln und mit Geist.

Über sein Partei- und Politikverständnis spricht Habeck an einem klaren Januartag auf dem Gewässerüberwachungsschiff „Haithabu“. Auf der Förde glitzern Eisschollen. Die Arbeitsbedingungen der „Haithabu“-Besatzung kennt Habeck ebenso wie den Geruch von Kuhstall und die Forschungsplattform weit draußen in der Nordsee. In Schleswig-Holstein ist er seit 2012 zuständig für Meer, Deiche, Moore und Weiden. Für Kühe, Schweine, Schweinswale und Wölfe. Für Strom-trassen, Atomkraftwerke und Windkraftanlagen. Was Habeck in manchmal rauen Konflikten mit Bauern, Fischern, Jägern und Naturschützern an Erfahrung gesammelt hat, will er als Bundesvorsitzender in die Partei einbringen. „Wir sollten unsere Politik so ausrichten, dass wir bei wichtigen Themen eine gesellschaftliche Mehrheit erreichen können.“ Die richtige Mischung aus Vision und Realismus müsse her.

Mit diesen Ideen wollte Habeck im vergangenen Jahr schon Spitzenkandidat der Grünen werden. 75 Stimmen fehlten am Ende zum Bundes-chef Özdemir, eine kleine Sensation. Wäre es was geworden mit der Jamaika-Koalition, dann würde Habeck wohl kaum nach Berlin kommen. Im Schatten grüner Minister Özdemir und Katrin Göring-Eckardt wäre das Gestalten schwierig geworden.

Jetzt geht der Blick nach vorn. In der Opposition sollten die Grünen die Regierung kritisieren, wo das angebracht ist – aber so, als wären sie selbst in der Verantwortung. „Wir haben keine Chance im Wettlauf mit den Populisten“, sagt Habeck. Stattdessen geht es ihm um Konsens, um Ausgleich. Konservative Bauern kann ein Grüner zwar kaum für seine politischen Positionen gewinnen. Aber wenn er vor 1000 norddeutschen Landwirten auftritt, ohne Pfiffe und Buh-Rufe zu ernten, ist das ein Erfolg.

Noch ist Habecks Wechsel nach Berlin keine ausgemachte Sache. So gern die Partei ihn ganz oben sähe, so sehr die Grünen-Promis ihn loben: Es gibt eine Hürde. Landesminister und Parteichef, das geht in dieser Partei nicht. Die Ämtertrennung soll Machtanhäufung verhindern. Habeck will in Kiel aber nicht sofort alles stehen und liegen lassen, sondern eine Übergangsfrist. Das muss die Partei ihm erst erlauben. Er forderte erst ein ganzes Jahr, die Grünen-Spitze will ihm nun acht Monate geben. Entscheiden wird das der Parteitag.

Über private Nebenwirkungen eines Wechsels mag Habeck, dessen vier Söhne mit 15, 17 (Zwillinge) und 21 „aus dem Gröbsten“ raus sind, noch nicht recht sprechen. Erst mal muss er gewählt werden, dann hat er – wenn es klappt – die Übergangszeit. „Die Zeit des Herzblutens ist noch nicht gekommen.“

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