Trotz klar anziehender Konjunktur und Inflation bleiben Europas Zinsen bei null festgenagelt. Sollte irgendein notorisch optimistischer Sparer auf zarte Andeutungen gehofft haben, dass sich das mal wieder ändern könnte, dann hat er die Rechnung ohne den pickelharten EZB-Chef Mario Draghi gemacht. Wie auch: Der Italiener hat sich und Europas Notenbank mit seiner ultralockeren Geldpolitik selbst in die Falle manövriert. Er hat sich nicht nur zur Geisel der wackeligen Südländer gemacht, deren faule Anleihen er massenhaft ankauft. Ohne die faktisch zinslosen Kredite würden diese Länder sofort in die Krise rutschen und mit ihnen ihre neue Hauptgläubigerin, die EZB.
Zu allem Übel ist Draghi jetzt auch noch in der Hand des Handelskriegers Donald Trump. Der redet den Dollar systematisch herunter, um „made in USA“ weltweit besser verkaufen zu können. Jede Andeutung einer Zinsanhebung in Europa würde die ohnehin rasante Aufwertung des Euro dramatisch beschleunigen und für Chaos an den Export- und Aktienmärkten sorgen. Draghi ist dadurch zum Gefangenen seiner gefährlichen Billiggeld-Politik geworden. Er muss sie fortsetzen, auf Gedeih und Verderb.
Verderb trifft es im Moment übrigens eher: Weil deutsche Staatsanleihen knapp werden, kaufte die EZB entgegen ihren Beteuerungen zuletzt überproportional viele Anleihen der Schuldenländer und auch Unternehmensanleihen wie die des Pleite-Konzerns Steinhoff auf. Mit ihren Käufen, die bereits die 2-Billionen-Schallmauer durchbrochen haben, verzerrt die Notenbank die Zinsdifferenzen in Europa und häuft zudem Risiken in ihrer Bilanz an, die den Nordländern noch schwer auf die Füße fallen könnten. Die Notenbank verteilt mit beiden Händen um: von Sparern zu Schuldnern, von stabil zu wackelig, von Bürgern zum Staat. Alle ihre heiligen Prinzipien opfert Draghis EZB. Offiziell auf dem Altar der Euro-Rettung. In Wahrheit aber, um Schuldenländer herauszupauken. Europas Notenbank hat sich in ein anleihenverschlingendes Monster verwandelt.
Georg Anastasiadis
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