Zum 50. Berufsjubiläum gibt’s in den meisten Betrieben vom Geschäftsführer einen warmen Händedruck. Und, wenn man Glück hat, einen Scheck.
Was aber, wenn dem Jubilar das Unternehmen selbst gehört? Wenn er sich an seinem Jubeltag so wie immer seit 50 Jahren pünktlich in der Früh an seinem Schreibtisch einfindet und viel zu protestantisch-bescheiden ist, um einen Festakt zu dulden, der außerdem nur die Belegschaft von der Arbeit abhält? Dann heißt der Jubilar Dirk Ippen – und die Gratulanten haben ein Problem.
Auf den Tag genau ein halbes Jahrhundert ist es heute her, dass der damals 27-Jährige von seinem Vater den „Westfälischen Anzeiger“, eine Regionalzeitung mit Sitz im westfälischen Hamm, erbte. Es war, wie sich später erweisen sollte, der Beginn einer eindrucksvollen verlegerischen Karriere, die den ehrgeizigen jungen Mann aus der Provinz über die Jahre zu einem der großen Tageszeitungsverleger der Republik aufsteigen ließ, mit Zeitungen in Kassel (HNA) und Offenbach (Offenbach-Post), in Syke (Kreiszeitung) und Gießen (Gießener Allgemeine).
Seinen größten Coup landete der bei Berlin geborene und in Essen groß gewordene spätere Jurist allerdings in Bayern: Hier standen 1982 der damals dahindümpelnde „Münchner Merkur“ und die in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratene „tz“ zum Verkauf. Große Skepsis begleitete den Einstieg des als harter Sanierer geltenden Unternehmers auf dem erbittert umkämpften Münchner Zeitungsmarkt.
Doch das Wagnis gelang: Ippen formte die tz zur auflagenstärksten Boulevardzeitung der Isarmetropole und den „Münchner Merkur“ zu der in Bayern meistgelesenen Tageszeitung.
Der damalige Leiter der Starnberger Lokalredaktion und spätere Chefredakteur des Münchner Merkur, Karl Schermann, erinnert sich an damals: „Es war kurz nach der Übernahme. Plötzlich stand der neue Besitzer Dirk Ippen in unserer kleinen Redaktion, in der es morgens im Winter immer eiskalt war, weil wir nur einen kleinen Ölofen hatten, den wir mit unserem kleinen Ölkännchen befüllten. Und er fragte fassungslos, wie wir unter diesen Umständen arbeiten könnten. Ein paar Wochen später schon bezog die Redaktion neue großzügige Räumlichkeiten. Mit Zentralheizung.“ Es war die von Ippen konsequent betriebene Stärkung der Heimatredaktionen, die radikale Hinwendung zur Lokalberichterstattung, die den Merkur fortan aufblühen ließ.
Dass in München ein anderer Wind wehte, merkte recht schnell auch der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß. Als er sich mit dem neuen Herausgeber telefonisch verbinden ließ, um ihm seinen Unmut über die neuerdings recht kritische Berichterstattung des Blattes mitzuteilen, blieb der junge Verleger kühl. Danach bat er, befremdet vom forschen Ton des CSU-Chefs, seine Sekretärin nachzufragen, wie groß denn das Anzeigenvolumen sei, das die CSU im „Merkur“ schalte. Das erwies sich prompt als recht kümmerlich.
Kaum einem Jungredakteur vergisst der Unternehmenspatriarch bis heute einzubläuen, dass Distanz zu den Mächtigen die Seele der Zeitung sei. Denn deren Liebe dürfe nur einem gelten: dem Leser. Und genau so müsse auch jeder Text abgefasst sein. Eine gute Story, sagt Dirk Ippen, müsse ein „Liebesbrief an die Leser“ sein. Wenn auch diese Ausgabe ein paar davon enthält, wäre das vermutlich das Geschenk, über das sich der Verleger Dirk Ippen zum 50. Berufsjubiläum am allermeisten freut.