Washington – Sich selbst ungeniert zu loben, gehört mit zum Ritual der Präsidenten-Reden zur Lage der Nation. Wie das ständige Aufstehen der Regierungspartei zum Applaus. Die Demokraten bleiben am Dienstagabend erwartungsgemäß mit versteinerten Mienen sitzen, als der Präsident seine Errungenschaften preist – selbst wenn fraglich ist, wie groß sein Anteil daran wirklich ist: Die Börsenrekorde. Die niedrige Arbeitslosenrate. Die Verabschiedung der Steuerreform, deren Details Donald Trump, der keine mehr als einseitigen Papiere mag, vermutlich gar nicht gelesen hat. Donald Trump preist jedenfalls die Auswirkungen der Reform wie den Umstand, dass der Apple-Konzern nun 20 000 neue Mitarbeiter einstellen will. Und unterstreicht die von ihm unterzeichnete Abschaffung zahlreicher Regulierungen, von der die Industrie profitiere – wie die „schöne saubere Kohle“, wie es der Klimawandel-Skeptiker Trump prosaisch-provozierend ausdrückt.
Dann kommt plötzlich, wie aus heiterem Himmel und souverän mit milder Stimme vom Teleprompter abgelesen, das Leitmotiv des Abends: „Dies ist unser amerikanischer Augenblick“, sagt Trump. Und: „Gemeinsam können wir alles erreichen“. Es sind ungewohnt schöne Worte vom Polterer mit jeder Menge Pathos, die Überparteilichkeit und Versöhnungsdrang vorgaukeln sollen zu einem Zeitpunkt, an dem nur noch ein Drittel aller Bürger hinter ihm steht und an dem Trump eine kritische Phase in seiner jungen Präsidentschaft erlebt. Denn eine Anklage wegen Justizbehinderung in den Russland-Ermittlungen ist durchaus vorstellbar. Hinzu kommen massive Attacken des Weißen Hauses gegen das FBI und die Justiz.
Ein Teil der Demokraten im Saal trägt schwarze Kleidung, bunte afrikanische Tücher oder lilafarbene Bänder – als Teil der Solidarität mit der „metoo“-Bewegung, mit den als „Dreckslöchern“ gescholtenen Staaten Afrikas. Aber auch als Zeichen des allgemeinen Protestes gegen Trump und seine Politik.
Die 80-Minuten-Rede, die die Volksvertreter hören, ist perfekt zugeschnittenes Futter für den Kern der Trump-Wählerschaft: Mit dem Ausbau des Atomwaffenarsenals. Mit dem Lob für einen Soldaten, der einem Kameraden das Leben rettete, und für andere Helden. Mit seiner Absicht, das umstrittene Internierungslager Guantanamo Bay offen zu halten – in Abkehr von einer Anordnung Barack Obamas, der acht Jahre lang an einer Schließung arbeitete, aber scheiterte. Und mit Trumps Absicht, das Nuklearabkommen mit dem Iran in Frage zu stellen. Nordkorea ist ihm besondere Aufmerksamkeit wert: Er werde nicht die Fehler seiner Vorgänger wiederholen, verspricht der Präsident, und nur zuschauen. „Wir sind entschlossen“, sagt er. Wozu, lässt er offen.
Auf der Ehrentribüne weinen derweil die Mutter und der Vater des von Nordkorea in der Haft getöteten US-Studenten Otto Warmbier. Beim brisanten Thema Einwanderung setzt Trump ebenfalls auf die Macht der Bilder. Er zeigt die auf der Galerie sitzenden, um Fassung ringenden Eltern zweier Mädchen, die im Bundesstaat New York von Mitgliedern der aus illegalen Migranten bestehenden berüchtigten Jugend-Gang MS 13 ermordet wurden. Er zeigt sich mitfühlend: Man müsse sicherstellen, dass Schlupflöcher geschlossen werden, um das Land sicherer zu machen. „Meine größte Loyalität muss Amerikas Kindern und Bürgern gelten,“ sagt Trump. Er werde dafür sorgen, dass der Schutz für Mitglieder aller Religionen und Hautfarben gut genug sei. Es ist der indirekte Versuch, sich gegen anhaltende Vorwürfe zu wehren, er habe eine rassistische Ader.
Zwar will Trump über einer Million jugendlicher Einwandererkinder den Pfad zum legalen Aufenthalt und zur Staatsbürgerschaft öffnen. Doch er besteht auch auf dem Bau der Mauer, verschärften Razzien gegen illegale Migranten, dem Ende des Familiennachzugs und auf einem Aus der so beliebten Greencard-Lotterie. Trump sieht diese Punkte als „Kompromiss“ – doch die Buhrufe der Demokraten sprechen eine andere Sprache. Die „Washington Post“ kritisierte gestern, der Präsident sei immer wieder zu den „spaltenden Themen seiner Amtszeit“ zurückgekommen. Und die Ermittlungen gegen ihn und Mitglieder seines Wahlkampfteams erwähnt er mit keinem Wort. Stattdessen gibt es auch am Ende Pathos: „Es sind die Menschen, die Amerika wieder groß machen,“ sagt Trump.