Der Zustand der Pflege in Deutschland war im Wahlkampf lange nur ein Randaspekt, bis ein junger Pfleger die Kanzlerin im Fernsehen damit konfrontierte. In den Koalitions-Gesprächen machten Union und SPD das Thema dann zu einem der Kernpunkte. Und die GroKo-Parteien waren sich auch recht schnell darüber einig, was zu tun ist, um die Lage zu verbessern. Es soll Sofortmaßnahmen geben und flächendeckend Tarifverträge, wenn möglich. Das reicht aber nicht.
Wirklich spürbare Verbesserungen könnten nur erreicht werden, wenn insgesamt deutlich mehr Pflegekräfte im System arbeiten würden als heute. Dass das derzeit aber kaum jemand tun will, liegt – neben der Bezahlung in der Altenpflege – vor allem an den teils brutalen Arbeitsbedingungen. Die hängen wiederum eng mit der dünnen Personaldecke zusammen. An dieser Stelle beißt sich die Katze also in den Schwanz. Um den Teufelskreis zu durchbrechen und Heimbewohner oder deren Angehörige gleichzeitig nicht finanziell zu überlasten (denn die müssen im jetzigen System für steigende Lohnkosten aufkommen), müssten die politisch Verantwortlichen auf einen Schlag einige Milliarden Euro in die Hand nehmen. Doch das ist kein Programm, mit dem man Wahlen gewinnt.
Das Problem ist: Die Jungen und Gesunden schieben das Thema von sich weg. Die Betroffenen sind wiederum zu schwach, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Und die Beschäftigten, die all das täglich erleben, sind nicht organisiert und schweigen größtenteils. Die Pflegekräfte müssten die Missstände eigentlich laut hinausschreien. Natürlich kann einen Streik, wie er gerade in Frankreich stattfand, niemand wollen. Es ehrt die Pflegekräfte, dass sie ihr hartes Los schweigend ertragen. Doch genau darüber müsste gesprochen werden.
Sebastian Horsch
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