Nun hat also auch die FDP die Schwarmintelligenz für sich entdeckt. 6300 Mitglieder in Bayern dürfen in einer Urwahl über den Landtags-Spitzenkandidaten abstimmen – das hat es so in einem großen Landesverband der Partei noch nicht gegeben. Die Idee ist gut: Alle werden eingebunden, der Verdacht der Hinterzimmerpolitik kommt gar nicht erst auf, jeder kann sich messen. Politik wirkt nahbar. Das Problem ist aber, dass die FDP mit ihrer Urwahl, die sich bis Mitte März ziehen wird, reichlich spät dran ist. Man könnte sagen: zu spät.
Die Landtagswahl wird für die FDP zur Schicksalswahl, es geht um die Existenzberechtigung. Da wäre akribische Vorarbeit nötig, denn allein der verblassende Lindner-Effekt wird die Partei nicht über die Fünf-Prozent-Marke retten. Vor allem, weil das Personaltableau der Konkurrenz mit frischen Gesichtern enorm spannend ist – und weil mit der AfD eine neue Kraft um Mandate streitet. Fünf Jahre lang hatte die FDP in der außerparlamentarischen Opposition Zeit, einen Kandidaten aufzubauen, hinter dem alle geschlossen stehen. Stattdessen entschied sich der Parteivorstand vor wenigen Wochen überstürzt für eine Urwahl – um im letzten Moment einigermaßen elegant den Ex-Vorsitzenden Albert Duin zu verhindern.
Zur Erinnerung: Christian Lindner reiste vier Jahre lang durch Deutschland, um die FDP dann beinahe im Alleingang zurück in den Bundestag zu führen. Dem Spitzenkandidaten für die Landtagswahl (es wird entweder der geschwächte Favorit Duin sein oder ein unbekanntes Gesicht) bleiben nur sieben Monate. Das ist hochriskant.
Sebastian Dorn
Sie erreichen den Autor unter
Sebastian.Dorn@ovb.net