Gießen – Seit 2013 ist Helge Braun Staatsminister im Kanzleramt. Während der Flüchtlingskrise zählte der 45-Jährige zu den wichtigsten Vertrauten von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die traut dem Mediziner mittlerweile den Chefposten im Epizentrum der Macht zu, obwohl er bundesweit noch nicht in Erscheinung getreten ist. Wer ist der Mann, der Boss im Kanzleramt werden soll?
In den Medien wurde schon kurz nach den Koalitionsverhandlungen über den nächsten Karriereschritt von Professor Helge Braun spekuliert. „Angela Merkels Staatsminister für Bürokratieabbau, Helge Braun, soll Kanzleramtschef werden“, meldete die „Rheinische Post“. Wenig später zog die „Bild“ nach: „Braun soll Nachfolger von Altmaier werden“. Und Braun selbst? Der CDU-Politiker blieb seinem Stil treu. Ruhig, sachlich analysierend und souverän moderierend. „Ich habe gerade den Koalitionsvertrag unterschrieben. In den Zukunftsthemen Bildung, Forschung, Digitalisierung steht echt Großes drin. Also: Uns an den Taten messen!“, twitterte der 45-jährige Mediziner aus der 85 000-Einwohner-Stadt Gießen in Mittelhessen. Kein Wort zu den Gerüchten. Später hielt Braun in einer Lokalzeitung fest: „Die Spekulationen in den Medien haben keine fundierte Grundlage. In der CDU wurde darüber jedenfalls noch nicht gesprochen.“ Von wegen.
Dass sein Name mit dem Chefposten im Kanzleramt in Verbindung gebracht wird, ist eigentlich so gar nicht seine Sache. Dass er es bis ins Kanzleramt geschafft hat, aber auch kein Zufall. Mit seinem Noch-Chef Peter Altmaier verbindet ihn nicht nur die Körperfülle, sondern auch seine Arbeitsweise. Braun hat die Ruhe weg. Cholerische Anfälle sind nicht überliefert. Während der Koalitionsverhandlungen wurde er von SPD-Kollegen als kompetenter und fairer Unterhändler in Sachen Bildung geschätzt. Da liegt indes auch nahe, dass das Ministerium für Bildung und Forschung eine Karriereoption wäre.
Die Bundeskanzlerin schätzt Typen wie ihn, der wenig Aufhebens um seine Person macht, nicht in jedes Mikrofon spricht, das ihm hingehalten wird, und zudem noch über einen selbstironischen Humor verfügt, der gelegentlich auch bei Merkel aufblitzt. Der Arzt und Honorarprofessor hat als Politiker einen langen, aber nicht ungewöhnlichen Weg hinter sich. Als JU-Chef in Gießen ärgerte er vor mehr als 20 Jahren die Altvorderen in der Partei, als er in den Gießener Kinos Wahlwerbespots mit Slogans wie „Sex ist schöner in einem Land mit Zukunft“ schalten ließ. In der JU lernte Braun auch seine heutige Frau Katja kennen. Das kinderlose Paar lebt noch heute in Gießen. Seine Präsenz in Berlin ist genau getaktet – von montags bis donnerstags ist er in der Hauptstadt. Für Hobbys bleibt wenig Zeit. „Wenn ich dann aber wieder einmal mit meiner Frau kochen kann, hat das schon einen besonderen Wert.“
Braun putschte sich im Ortsverein 1995 an die Spitze. Von da an ging es aufwärts. Von 1997 bis 2006 saß er im Stadtparlament, beerbte Volker Bouffier als Kreisvorsitzenden. Dass Niederlagen zum Politikerleben gehören, weiß er seit 2005, als er bei der vorgezogenen Bundestagswahl den Wiedereinzug verpasste. 2009 war er dann zurück – und startete als Staatssekretär durch. Merkel holte ihn 2013 im Kanzleramt an ihre Seite. Als Altmaier-Vertreter ist Braun zuständig für Bürokratieabbau und die Koordinierung der Bund-Länder-Beziehungen.
Zuletzt spielte er eine Schlüsselrolle bei zwei Herausforderungen für Merkels Regierung: der Bewältigung der Flüchtlingskrise und der Neuordnung des Länderfinanzausgleichs. Die „FAZ“ stelle im Januar fest: „Merkel traut ihm jetzt zu, ein Ministerium zu führen.“ Es sieht so aus, als könnte er das bald unter Beweis stellen. Marc Schäfer