Die Stimmung in der Union

Leise Schadenfreude über Merkel

von Redaktion

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

München – Der Raumplan in der CSU-Parteizentrale verheißt am Donnerstag große Gelassenheit. 8 Uhr: Besprechung. 10 Uhr: Besprechung. 11:30 Uhr: „Business Yoga mit Diana.“ Soll sich doch der Rest der Republik verrenken über dem Koalitionsvertrag, die CSU entspannt beim Yoga ihre Nackenmuskulatur.

Tatsächlich kann die CSU unverkrampft ihre Verhandlungsergebnisse analysieren. Bei der Besprechung um 10 Uhr, es ist genauer gesagt der Parteivorstand um Horst Seehofer, wird reihum große Zufriedenheit geäußert: Innen- und Heimatministerium erobert, Verkehrs- und Entwicklungsressort verteidigt, „das ist ein gutes Werk“, vermeldet der Vorsitzende. Seine Analyse bleibt unwidersprochen im Vorstand, das erlebte er nicht oft in den Wochen seit der bitteren Wahlklatsche vom September 2017. In der Landtagsfraktion am Nachmittag gibt es zwar einzelne Kritik am Pflege-Teil des Koalitionsvertrags, aber auch grundsätzlich Zustimmung.

Seehofer legt noch einen drauf. Was ihn bewogen habe, als Innenminister nach Berlin zu gehen, statt die Karriere zu beenden, wird er gefragt. „Weil’s Spaß macht“, sagt er, in seiner Aussprache dann „Spasssss“.

Was zum Spassss erheblich beitragen dürfte, ist die labile Lage der CDU. In der CSU herrscht ja die Lesart vor, nur wegen Angela Merkels Politik so verloren zu haben. Fremdverschulden, sozusagen. Deshalb sei es nun eine späte Gerechtigkeit, bei den Koalitionsverhandlungen der CDU so viel abgetrotzt zu haben und Merkel in Bedrängnis zu sehen. Seehofer selbst beißt sich auf die Zunge, weil er weiß, wie hauchdünn die Gespräche wegen der Posten vor dem Abbruch standen (eigentlich schon zweimal abgebrochen waren). Er erzählt nur über die nächtlichen Verhandlungen, bei denen die CDU alle Schlüsselressorts verlor: „Ich wusste nicht, dass man sich als erwachsene Leute so lange schweigend gegenüber sitzen kann.“ Die zweite Reihe stichelt lustvoller. Der Tausch Finanz- gegen Wirtschaftsministerium sei doch „kein Grund zur Klage, sondern Anlass zur Gestaltung“, sagt der CSU-Abgeordnete Volker Ullrich. Mit anderen Worten: Mault doch nicht so rum, sondern packt an!

Die CDU tut sich mit solchen Ratschlägen schwer. Die Wortmeldungen enttäuschter Parteifreunde halten an. Dass die CDU neben dem Innen- auch das Finanzressort gegen Agrar und Wirtschaft getauscht habe, sei „eine Einbuße, die vom Wahlergebnis nicht gedeckt ist“, sagt Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther der „Welt“. Der Abgeordnete Christian von Stetten, Chef des Parlamentskreises Mittelstand in der Union, nennt den Kabinettszuschnitt einen „politischen Fehler“. Einige Parteikollegen seien geradezu „erschrocken darüber, welche Ministerien die SPD zugesprochen bekommen hat“. Mit einem SPD-Finanzminister bestehe „die Gefahr, dass mehr SPD-Europapolitik ins Finanzministerium einzieht“.

Disziplinierend wirkt nur ein Kniff Merkels, die meisten Personalien bis nach Ende des SPD-Votums offenzuhalten. Solange es eine Rest-Chance gibt, doch noch Staatssekretär zu werden, halten sich viele aus der Unionsfraktion vielleicht mit Kritik an der Chefin zurück. Merkel versucht also, ihre Kritiker möglichst still in der Schwebe zu halten. Im Yoga-Kurs erfährt man: Lange ist das nicht durchzuhalten.

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