Mord an Kim Jong Uns Halbbruder

Alle Spuren deuten nach Pjöngjang

von Redaktion

Von Christoph Sator

Kuala Lumpur – Siti Aishah feierte am 13. Februar des vergangenen Jahres ihren 25. Geburtstag. Von dem Abend in einem Restaurant in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur gibt es ein Video. Zu sehen ist, wie jemand der Indonesierin, die auf eine TV-Karriere hoffte, eine Kerze hinhält und sagt: „Und dann wird die Person neben mir eine Berühmtheit.“ Aishah bläst die Kerze aus und lacht.

Die Prophezeiung ging auch in Erfüllung. Nur ganz anders als gedacht.

Aishah geriet durch das, was sie am nächsten Morgen tat, weltweit in die Schlagzeilen. Zusammen mit einer Vietnamesin namens Doan Thi Huong (29) rieb sie auf Kuala Lumpurs Internationalem Flughafen Kim Jong Nam, dem Halbbruder von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un, eine Chemikalie ins Gesicht: das Nervengift VX. Stunden später war der 45-Jährige tot. Noch in derselben Woche wurden die beiden Frauen verhaftet.

An ihrer Täterschaft gibt es aufgrund der Aufnahmen der Überwachungskameras keine Zweifel. Seit vier Monaten stehen sie in Malaysia vor Gericht. Werden sie wegen Mordes verurteilt, hat das die Todesstrafe zur Folge. Ihre einzige Chance: glaubhaft zu machen, dass sie keine Ahnung davon hatten, was sie da taten. Beide behaupten, dass sie von verschiedenen Männern, die sie für Japaner oder Chinesen hielten, für eine TV-Sendung nach Art der „Versteckten Kamera“ angeworben wurden. Der Spaß sollte darin bestehen, einem fremden Mann Babyöl ins Gesicht zu schmieren. Im Prozess kam heraus, dass Aishah das schon einige Male gemacht hatte, ohne dass jemand verletzt wurde. Heißen muss das nichts.

Die Verteidigung argumentiert nun, dass sich Aishah und Huong kaum freiwillig einer solchen Gefahr ausgesetzt hätten: VX ist von den Vereinten Nationen als Massenvernichtungsmittel eingestuft. Außerdem, so die Anwälte, hätten sie ja wohl sofort die Möglichkeit zur Flucht außer Landes genutzt. Andererseits gibt es Aufnahmen, wie die beiden nach dem Überfall die Hände weit von sich halten und zur Toilette rennen. Wegen Babyöls muss man das nicht.

Aus Sorge vor einem Attentat – von wem auch immer – tragen die beiden Frauen nun vor Gericht stets schusssichere Westen. Von Termin zu Termin wird deutlicher, dass der Auftrag wohl tatsächlich aus Nordkorea kam – auch wenn sich der kommunistische Einparteienstaat weiterhin gegen jeden Verdacht wehrt. Die Behauptung, der ältere Kim – ein Mann zwischen 120 und 140 Kilogramm – sei an einem Herzinfarkt gestorben, wurde durch die Obduktion widerlegt. Spuren des Nervengifts fanden sich auf seinem Gesicht, im Gehirn, in Lunge, Leber und Milz.

Das Opfer war ältester Sohn des langjährigen Machthabers Kim Jong Il (1941-2011) aus einer früheren Ehe. Eine Zeit lang galt er als erster Anwärter auf die Nachfolge, fiel dann aber in Ungnade. Die letzten Jahre lebte er außerhalb Nordkoreas, mit einem Ruf als Playboy. Regimekritiker war er nicht. Manche Experten vermuten, dass er sich für einen Sturz seines Halbbruders bereithielt. Kurz vor seinem Tod soll er sich mit einem US-Geheimdienstler getroffen haben – wozu es vor Gericht bislang aber keine Bestätigung gab.

Nach den Ermittlungen der Polizei wurde der Giftmord von vier nordkoreanischen Agenten geplant, die am Tag der Tat mit einem Auto der Botschaft zum Flughafen kamen und sich danach sofort Richtung Heimat absetzten. Zuvor trafen sie noch einen nordkoreanischen Diplomaten. Drahtzieher soll ein Mann namens Hong Song Hac (34) gewesen sein, der nun wie die anderen mit Interpol-Haftbefehl gesucht wird.

Trotzdem ist von Nordkorea im Prozess bislang erstaunlich wenig die Rede. Zwar sagte selbst Aishahs Verteidiger Gooi Soon Seng am Rande des Prozesses am vergangenen Freitag: „Auf die eine oder andere Art und Weise ist Nordkorea involviert.“ Das Gericht selbst jedoch lässt sich Zeit. Offensichtlich ist auch Malaysia daran gelegen, den Prozess aktuell möglichst wenig zu politisieren.

Wann das Urteil fallen wird, weiß noch niemand.

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