Regiert in Deutschland eine „Kanzler-Diktatorin“, wie AfD-Chef Gauland glaubt? Oder ist die Republik schon zur „Monarchie“ mutiert, wogegen sich Jens Spahn verwahrt? Beide können ganz unbesorgt sein. Noch kein Kanzler, und mag er noch so mächtig gewesen sein, konnte sich bisher seinen Nachfolger aussuchen. Weder wollte Adenauer von Ludwig Erhard beerbt werden (schon gar nicht so früh) noch Willy Brandt von Helmut Schmidt (das war Wehners Werk) noch Helmut Kohl von Gerhard Schröder. Und so wird es eines Tages auch mit Angela Merkel sein. Sie ist heute in der Lage, in der sich vor einigen Jahren der von Söder bedrängte CSU-Regent Seehofer befand: zu schwach, um sich den Nachfolger selbst auszusuchen. Aber (noch) zu stark, um zügig aus dem Amt gekegelt zu werden.
Jens Spahn ist sozusagen der Markus Söder der CDU. Für Merkel wird es angesichts der wachsenden Unruhe in ihrer Partei kein Kinderspiel, ihn noch drei, vier Jahre auf Distanz zu halten. Deshalb jetzt ihr Zugeständnis, bei der anstehenden Kabinettsbildung Jüngere zum Zug kommen zu lassen – und die Namen noch vor dem CDU-Parteitag zu präsentieren. Damit nimmt sie ihren Kritikern den Wind aus den Segeln, ohne gleich viel Macht abgeben zu müssen.
Mit dem Schachzug reagiert die Kanzlerin auf heraufziehende Gefahren. Der Vorwurf, sie habe zur Rettung ihres Amtes die CDU verkauft, war für sie zu einer tickenden Bombe geworden. Merkel hat jetzt die Chance, mehrere Zukunftstalente wie Julia Klöckner, Annegret Kramp-Karrenbauer, Carsten Linnemann und Jens Spahn in Partei- und Regierungsämter zu berufen. Sie kann dann wie einst Seehofer hoffen, dass sich die Kronprinzen und -prinzessinnen gegenseitig noch eine Weile vom Griff nach der Macht abhalten. Die Kanzlerin könnte aber auch den Königsweg gehen und vor Ablauf ihrer Zeit selbstbestimmt abtreten. Das hätte dann tatsächlich monarchische Größe.
Georg Anastasiadis
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