Politik in Zeiten des Internets

Land der Extreme

von Redaktion

Muss man mit dem Politiker Martin Schulz Mitleid haben? Man muss nicht. Dem gescheiterten Kanzlerkandidaten unterliefen nach der Wahl so viele Fehler und Instinktlosigkeiten, dass er sich über den parteiinternen Aufstand nicht wundern kann. Darf man mit dem Menschen Martin Schulz Mitleid haben? Man darf. Nie zuvor ist ein Politiker so laut als Erlöser gefeiert worden, um dann binnen Monaten dermaßen sturmreif geschossen zu werden, dass sein Abgang wiederum wie eine Erlösung wirkt.

Jenseits der Persönlichkeit Schulz stehen sein Aufstieg und Fall für eine Tendenz, die in der Internetgesellschaft zunimmt und eigentlich Sorgen bereiten müsste. Die Verklärung zur „coolen Sau“ (Jusos) gehört dazu, mehr aber noch die regelrechte Hetzjagd, die eröffnet, wird, sobald sich die eben noch überzeichneten Helden als irdische Wesen mit Fehlern erweisen. Politiker stehen rund um die Uhr unter Dauerbeobachtung, selbst nach durchverhandelten Nächten müssen sie vor die Presse, in Parteigremien, um später in Abendnachrichten und der nächsten Morgensendung Rede und Antwort zu stehen. Und wehe dem, der sich dann eine falsche Bemerkung erlaubt. Hohn und Spott der sozialen Netzwerke donnern durchs Land.

Für die ehrliche Bewertung von Politik empfiehlt es sich, einen Gang zurückzuschalten. Das gilt auch für die Medien. Die Aufgeregtheiten dieser Tage stehen im seltsamen Widerspruch zur geräuschlosen Arbeit, die die amtierende Regierung leistet. Politiker war nie ein „normaler“ Beruf – doch die Verwerfungen nehmen ständig zu, der Ton verroht. Doch wenn nur noch der Zirkus dominiert, stellt sich bald die Frage, welcher vernünftige Mensch sich diese Maschinerie noch antut, wenn er auch, bei teils besserer Bezahlung, ein ruhiges Leben in der Wirtschaft haben könnte.

Mike Schier

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