Vilshofen – Von den bald 79 Jahren, die er auf der Welt ist, hat Gerhard Piorek 57 in der SPD verbracht. Beim politischen Aschermittwoch in Vilshofen war er schon öfter als 50 Mal, und sein Bier trinkt er auch dieses Jahr wieder aus einem Krug mit dem Gesicht von Altkanzler Helmut Schmidt vorne drauf. Er kennt seine Partei, nicht nur ihre guten Seiten. Aber so ein Chaos wie zuletzt, das hat er in all den Jahren noch nicht miterleben müssen, sagt Piorek. „Wenn wir so weitermachen, dann zerfleischt sich die SPD.“ Und deshalb sei so ein ruhiger Mann jetzt genau richtig.
Der „ruhige Mann“, den Piorek meint, ist Olaf Scholz. Er ist der Erste Bürgermeister von Hamburg, möglicherweise bald deutscher Finanzminister und seit dem Vorabend kommissarischer SPD-Chef. Und er ist dieses Jahr in Vilshofen der Hauptredner.
Es ist bereits nach 11 Uhr im Bierzelt. Die bayerische SPD-Chefin Natascha Kohnen hat die Stimmung gerade mit einem kämpferischen Auftritt für Scholz angewärmt. Sie hat über die FDP geschimpft, die „sich vom Acker macht, wenn es ernst wird“. Sie hat geworben für eine „Zweckgemeinschaft“ mit der Union, die man „mit kühlem Kopf“ eingehen müsse. Sie hat mit reichlich Pathos auf all die Menschen hingewiesen, für die die SPD Verbesserungen erreichen könne, wenn sie sich auf die GroKo einließe. Und sie hat dem designierten CSU-Ministerpräsidenten Markus Söder vorgeworfen, er „verhöhne“ die Menschen, denen er nun 2000 Wohnungen verspreche, nachdem er zuvor 33 000 „verscherbelt“ habe. Die Temperatur stimmt.
Und dann kommt Olaf Scholz, tritt ans Mikrofon und sagt: „Moin, moin.“ In der Folge referiert der Hanseat mehr als dass er anpeitschen würde, zudem plagen ihn offensichtlich noch die Nachwehen einer Erkältung, die er sich während der GroKo-Gespräche eingefangen hat. Immer wieder muss er husten. Kurzum: Sein gesamter Auftritt ist alles andere als besonders mitreißend.
Aber Scholz kommt gut an. Der Applaus fällt zwar an keiner Stelle frenetisch aus, aber immer wieder anhaltend und anerkennend. Besonnenheit, Verlässlichkeit, Vernunft. Scholz steht offensichtlich für genau das, wonach sie sich an der SPD-Basis gerade zu sehnen scheinen.
Der Bürgermeister von Hamburg spricht über Trump, die FPÖ und die Bedeutung von Europa für Deutschlands Zukunft. Er spricht darüber, wie wichtig Bildung und Ausbildung für die Zukunft junger Menschen sind. Er spricht über das Thema Migration, bei dem es „absolute Ehrlichkeit“ brauche. „Wir dürfen die Probleme nicht leugnen, aber wir müssen sie auch gleichzeitig anpacken“, ruft er.
Seinen stärksten Moment hat Scholz, als er sich einer Handvoll Jusos zuwendet, die während seiner Rede „No-GroKo“-Plakate in die Luft halten, und den Koaltionsvertrag entschieden ablehnen, der laut Scholz doch zu „zwei Dritteln das sozialdemokratische Wahlprogramm“ widerspiegelt. Man müsse sich doch nur die Diskussionen in der CDU ansehen, um zu merken, „dass wir das gut hingekriegt haben“, sagt Scholz. Doch auch aus einem anderen Grund müsse die SPD die GroKo noch einmal wagen. „Die Bürger würden es uns nicht verzeihen, wenn wir die Verantwortung nicht übernehmen“, ruft er den Jusos zu. Genau darum gehe es doch: Dass die Menschen es wieder wollten, „dass wir die Regierung stellen, dass wir den Kanzler stellen, dass wir zuständig sind“. Das Zelt applaudiert lange.
Es ist die wohl lauteste Minute in einem nüchternen, in Teilen fast ein bisschen nachdenklichen Auftritt. Etwa, wenn Scholz auch Selbstkritik übt. In den vergangenen Tagen hätten die SPD und ihre Führung „nicht die beste Performance“ abgeliefert, sagt er. Jetzt müsse es aber „wieder nach vorne gehen“.
SPD-Veteran Gerhard Piorek gefällt all das richtig gut. Er hofft, dass es dem neuen Steuermann Scholz nun auch wirklich gelingt, die Partei endlich zurück in ruhiges Fahrwasser zu bringen. Und er hofft, dass die SPD den Weg in die Regierung geht. „Eine Neuwahl nutzt nur der AfD“, sagt er noch, bevor er fürs Foto zu seinem Helmut-Schmidt-Krug greift.