Auf die total unabhängige türkische Justiz ist Verlass. Ungefähr zur gleichen Zeit, da das Erdogan-Regime zu dem Schluss gelangte, dass eine Normalisierung der Beziehungen zu Berlin opportun ist, reifte in den Strafverfolgungsbehörden die Überzeugung, dass es mit den Beweisen gegen den Staatsgefangenen Deniz Yücel doch nicht so weit her ist. Ein Schmierentheater, das seinesgleichen sucht.
Yücel hat in türkischer Haft Schlimmes durchgemacht und trotzdem seine Würde bewahrt; einen „schmutzigen Deal“ – Freiheit gegen Waffen für Ankara – wollte er nicht. Dennoch ist seine Freilassung vermutlich eine schlechte Nachricht für andere: Erdogan will in Syrien ungestört Kurden töten und sich seinen Teil der Bürgerkriegs-Beute sichern. Er will sich auf den dortigen Schlachtfeldern gemeinsam mit Putin mit den Amerikanern anlegen, auch auf die Gefahr hin, dass der dortige Stellvertreterkrieg der großen Mächte die Region explodieren lässt, so wie vor 100 Jahren der Balkan in die Luft flog. Und er will mit der Waffengewalt seiner soeben nach Zypern entsandten Kriegsschiffe verhindern, dass der arme Inselstaat seine gerade entdeckten maritimen Öl- und Gasvorkommen anzapfen kann. Da ist es für Ankara von Vorteil, wenigstens den verbalen Kriegszustand mit der EU und Deutschland (vorübergehend) zu beenden.
Für die Kanzlerin, die in ihrer bedrängten Lage für jeden Erfolg dankbar sein muss, hat sich das Treffen mit Erdogans Handpuppe Yildirim am Donnerstag ausgezahlt. Auch der in eigener Sache wahlkämpfende Außenminister Gabriel kann vor Stolz kaum laufen. Bleibt zu hoffen, dass beide für Yücels Freiheit nicht einen unangemessen hohen Preis gezahlt haben. Denn Erdogan brauchte Yücel nur, um sein Allmachts-Referendum zu gewinnen. Danach war er für den Kriegsherrn in Ankara nur noch ein kleines Faustpfand im großen syrischen Spiel.
Georg Anastasiadis
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