München – Der Noch-Außenminister reagiert bloß mit einem knappen Nicken – und doch muss ihm dieses Lob runtergehen wie Öl. Neben ihm steht Springer-Chef Mathias Döpfner und spricht von all denen, die sich für die Freilassung des „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel eingesetzt haben. Viele seien das gewesen, von der Kanzlerin bis zum Justizminister. Aber einer habe besonders viel gemacht. „Am Ende waren Sie erfolgreich“, sagt Döpfner dann zu Gabriel herunter, der mindestens einen Kopf kleiner ist. Es ist ein fast rührender Moment, er endet mit einem einfachen Satz: „Danke für alles.“
Eigentlich war Gabriel an diesem Tag schon in München gelandet, um an der Sicherheitskonferenz teilzunehmen. Mittags war ein Essen mit Mitgliedern der US-Delegation geplant, dann ein kurzes Statement für die Presse. Aber als die Nachricht von der Freilassung Yücels umging, ließ er alles stehen und liegen, um doch noch mal eben nach Berlin zu fliegen, zu Döpfner und zum „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt. In diesem spontanen Hauptstadttrip lag eine glasklare Botschaft: Seht her, ich bin noch da. Yücel, das ist auch mein Erfolg.
Das lässt sich nicht bestreiten. Gabriel arbeitete seit Langem auf die Freilassung des Journalisten hin. In den vergangenen Monaten traf er sich zwei Mal mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und noch öfter mit dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu. So erzählt es der SPD-Mann selbst. Er brachte sogar Alt-Kanzler Gerhard Schröder dazu, erneut mit Erdogan über Yücel zu sprechen. „Das war gut investierte Arbeit“, sagt Gabriel in Berlin. Nebenbei lässt er fallen, dass es keine Deals mit der türkischen Seite gegeben habe. „Der Fall zeigt, dass beharrliche Arbeit und Diplomatie Erfolg haben können.“
Das sind Sätze der Selbstbehauptung – wer hätte das nach dem jüngsten SPD-Theater noch gedacht? Gut eine Woche ist es her, als Gabriel in heftigen Streit mit Martin Schulz geriet. Der proklamierte das Außenamt für sich und machte Anstalten, den ehemals guten Freund mit einem eisigen Lob aus dem Amt zu schubsen. Gabriel warf Schulz daraufhin Wortbruch und Respektlosigkeit vor, er schien wirklich tief getroffen – und schmollte. Außerdem sagte er eine Reihe von Terminen ab, auch den bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Das alles klang nach dem Ende seiner Karriere. Aber es scheint, als könnte der Verhandlungserfolg um Yücel doch noch mal die Wende bringen.
Dass Gabriel gerne Außenminister bleiben würde, ist kein Geheimnis. Zudem gilt er als beliebtester Politiker des Landes und ist international anerkannt. Kürzlich machte ein Staatschef sogar auf offener Bühne Werbung für ihn. Gabriel sei ein Mensch, der gut zuhören könne und sein Land ebenso gut verstehe, sagte Serbiens Präsident Aleksandar Vucic. „Ich würde es gerne sehen, wenn er an wichtiger Stelle in der Bundesrepublik bleibt.“ Ein bisschen schamlos war das. Aber auch eine Auszeichnung.
Schon da war zu spüren, dass Gabriel sein Amt noch nicht aufgegeben hat. Das registrieren sie auch in der SPD – längst nicht jeder ist begeistert. Die designierte Partei-Chefin Andrea Nahles warnte Gabriel sogar davor, zu viel Werbung in eigener Sache zu machen. „Es ist jetzt nicht die Zeit, dass Einzelne eine Kampagne für sich selbst starten“, sagte sie dem „Spiegel“. Ihre Parteimitglieder hätten „die Faxen dicke von den ewigen Personaldebatten“. Nahles und Gabriel haben nicht das beste Verhältnis. Aber eine so klare Ansage ist bemerkenswert.
Hier und dort heißt es nun, in der Partei würden Gabriel trotz Yücel nur geringe Chancen auf ein Comeback eingeräumt. Aber er hat nun ein Argument mehr auf seiner Seite. Außerdem fällt die Entscheidung über die Ministerämter erst nach dem SPD-Mitgliederentscheid. Ein bisschen Zeit bleibt Gabriel also noch, um für sich zu werben.
Es scheint ihm ernst zu sein. Am Freitag platzte sogar ein groß angekündigtes Außenminister-Treffen zum Ukraine-Konflikt am Rande der Sicherheitskonferenz. Aus Termingründen, hieß es aus dem Auswärtigen Amt, der Minister sei noch auf dem Rückweg nach München. Dort wird er am Samstagmorgen eine Rede halten, es geht um Europa. Die Zuhörer sollten sich auf einen kämpferischen Minister einstellen. marcus mäckler