Heute ist der Tag, auf den Markus Söder sein halbes Leben lang mit unglaublicher Energie und Akribie, aber auch einer Portion Skrupellosigkeit hingearbeitet hat: Nach der Sondersitzung des Landtags darf der 51-Jährige als Ministerpräsident sein neues Büro in der Staatskanzlei beziehen. Der lange auch in der CSU umstrittene Nürnberger hat in mühevoller Kleinarbeit nicht nur die Fraktion auf seine Seite gebracht, sondern jedes Argument, das gegen ihn sprach, abgeräumt: Anders als bei Günther Beckstein mosert in Oberbayern niemand mehr, wenn der Regierungschef aus Franken kommt – das Ergebnis hunderter Termine bis in die südlichsten Gemeinden.
Bei seinem Projekt Ministerpräsident hat er das Ziel also erreicht. Und jetzt? Im Amt darf es Söder nicht mehr nur um Söder gehen, sondern um die Sache: um Bayern. Halb Europa mag mit Neid auf die wirtschaftliche Kraft des Freistaats blicken, doch gerade im Großraum München zeigen sich immer deutlicher die Schattenseiten des Erfolgs. Selbst für die Mittelschicht beginnt die Stadt langsam unerschwinglich zu werden. Wer deshalb ins weitere Umland ziehen muss, leidet darunter, dass die Staatsregierung es jahrelang verschlafen hat, die Infrastruktur dem Wachstum anzupassen. Die Gefahr für den sozialen Frieden, die diese vermeintlichen Luxusprobleme mittelfristig mit sich bringen, sollte niemand unterschätzen.
Seit er den Machtkampf mit Horst Seehofer gewonnen hat, gibt Söder, der sich noch in jedem Amt neu erfunden hat, den Landesvater. Letztlich braucht das Land aber vor allem einen Kümmerer. Die Bayern mögen Edmund Stoiber nicht geliebt haben, aber sie schätzten seinen Fleiß und seine Tatkraft. Gleiches erwarten sie nun von Söder, der – wenn er die Probleme beim Wohnungsbau und im öffentlichen Nahverkehr sowie die sozialen Verwerfungen im reichen Bayern lösen will – auch die Kommunen ins Boot bekommen muss. Vor lauter Flüchtlingsdebatte, Wahlkampf und Regierungsbildung ist zuletzt viel liegen geblieben. Söder muss jetzt anpacken.
Mike Schier
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