Theresa May nutzt die Gunst der Stunde: Während die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit auf den skandalösen Giftanschlag in England mit eindeutiger Schuldzuweisung an Kreml-Herrscher Wladimir Putin gerichtet sind, macht Londons Brexit-Minister David Davis im Windschatten dieser Großwetterlage einen wichtigen Deal mit den EU-Europäern: Beide Seiten zurren die geplante Brexit-Übergangsphase bis zum 31. Dezember 2020 fest. Das ist ein Sieg der Vernunft und verschafft Bürgern, Banken und Wirtschaft auf beiden Seiten des Kanals jene Planungssicherheit, die dringend gebraucht wird.
Ebenso bedeutend: London stimmt mangels eigenem Konzept dem Brüsseler Vorschlag einer Auffanglösung für die irische Grenzfrage zu. Das bedeutet: Nordirland tritt wie der Rest Britanniens de jure aus der EU aus, de facto gelten auf der grünen Insel aber weiter die Regeln des Binnenmarktes und der Zollunion – Sorgen vor negativen Auswirkungen auf den Friedensprozess wären erst einmal gebannt. May räumt damit zähneknirschend eine Grundsatzposition. Noch vor wenigen Tagen hatte sie diesen Vorschlag mit den Worten abgelehnt, kein Premierminister könnte jemals einer solchen Idee zustimmen, weil sie die Integrität des Vereinigten Königreichs untergrabe. Damit hatte sie vermutlich sogar Recht: In Schottland wird man die „Extrawurst“ für die Nordiren registrieren und Gleichbehandlung einfordern. Dennoch: May hat sich politisch erst einmal Luft verschafft. Aus dem Schneider ist sie noch lange nicht.
Alexander Weber
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