„Putins Ziel ist die Destabilisierung Europas“

von Redaktion

Ex-Schachweltmeister Kasparow hält Wahlen in Russland für eine Farce – und den Giftanschlag in Großbritannien für ein Signal des Kremls

New York – Garry Kasparow (54) , russischer Oppositionspolitiker und Ex-Schachweltmeister, lebt im Exil in den USA, nachdem er in Russland mehrfach festgenommen wurde. In der vergangenen Woche organisierte er in New York eine große Konferenz über das Wirken von Wladimir Putin. Ein Interview.

-Wladimir Putin wurde mit gut 76 Prozent wiedergewählt. Wie glaubwürdig ist das Wahl-Ergebnis?

Was für Wahlen? Es ist absurd, diese Show, die abgehalten wurde, Wahl zu nennen. Es war eine Farce. Der einzige Wähler, dessen Stimme wirklich zählt, ist Putin selbst. Das Ergebnis mit über 70 Prozent erinnert an die Eishockeyspiele, bei denen er zehn Tore gegen Profi-Teams schießt. Es ist lächerlich.

-Putin ist jetzt für weitere sechs Jahre gewählt. Wird er bis zum Ende dieser Amtszeit im Kreml bleiben?

Wie lange er an der Macht bleibt, hängt nicht von dem ab, was er Wahlen nennt, sondern davon, wann der Westen endlich anfängt, ihn ernsthaft zu bekämpfen. Die bisherigen Sanktionen tun Putin zwar weh, aber sie sind nicht wirklich gefährlich für ihn. Dass Großbritannien jetzt 23 Diplomaten ausgewiesen hat, beeindruckt ihn nicht im Geringsten.

-Was wäre für Putin und sein System wirklich einschneidend?

Man muss beim russischen Geld ansetzen. Nur das ist wirklich kritisch für Putin und seinen Clan, wenn man ihren Kapitalflüssen in die Quere kommt. Das ist der einzige Weg, eine große Katastrophe, die Putin mit seiner Aggressions-Politik über kurz oder lang anrichten wird, zu vermeiden – wenn der Westen die superreichen Russen vor die Wahl stellt: ,Entweder Ihr bleibt auf Putins Seite, oder Ihr rettet Euer ganzes Vermögen, dass Ihr bei uns gebunkert habt. Dann werden sich die Oligarchen etwas überlegen gegen Putin.

-Großbritannien ist überzeugt, dass Moskau hinter dem Giftanschlag auf Ex-Agent Skripal steht. Was für ein Interesse sollte Russland an der Tat haben?

Das war ein Einschüchterungsversuch des Kremls. Dass auch Skripals Tochter zum Opfer wurde, verstärkt die Wirkung. Sie haben Angst in Moskau, dass US-Sonderermittler Mueller jetzt Russen befragen könnte über die Einmischung Moskaus in den US-Wahlkampf. Der Kreml will das um jeden Preis, auch den eines Mordes, verhindern. Und potenzielle Zeugen zum Schweigen bringen.

-Nach einer neuen Umfrage wünschen sich 58 Prozent der Deutschen eine Annäherung an Russland. Warum?

Für mich sind die großen Sympathien für Putin in Deutschland unverständlich. Sie haben doch jahrzehntelang unter der Teilung und dem von Moskau geführten Unrechtssystem in der DDR gelitten. Aber in Deutschland hat es von Anfang an kaum Widerstand gegen Putins Propaganda gegeben. Seine Lobbyisten sind in Berlin sehr aktiv und erfolgreich.

-Ist der Einfluss von Putins Lobby in Deutschland wirklich so groß?

Wenn es im Bundestag eine Abstimmung gäbe, Putin gegen Merkel, bin ich nicht überzeugt, dass Merkel Putin besiegen würde. Aber Scherz beiseite: Für Putin sind die AfD und die Linke, Teile der SPD, und sogar von Union und FDP. Die Lage ist, was die Widerstandsfähigkeit gegen Moskaus Aggression angeht, katastrophal, der Rückhalt für Putin immens.

-Was ist Putins Ziel?

Er betreibt einen weltweiten Krieg gegen die Demokratie. Die ist lästig für die mafiösen Geschäfte von ihm und seinem Clan. Teil dieses Krieges ist eine gigantische Destabilisierungs-Kampagne in ganz Europa. Jeder westliche Staatsmann, der Putin jetzt gratuliert, fällt damit den Werten der eigenen Gesellschaft in den Rücken. Gerade die Deutschen tun leider so gut wie nichts gegen Putins Aggression. Vieles wollen das Problem nicht mal wahrhaben.

Interview: Boris Reitschuster

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