München – Auf Spott folgte Demütigung. Die „Terroristen“ seien „mit eingezogenem Schwanz“ aus Afrin geflohen, sagte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nach der Einnahme der syrischen Stadt Afrin. Kurz darauf posierten eben dort türkische Soldaten vor der zerstörten Statue des Schmieds Kawa, eines mythischen Helden. Den Kurden gilt er als Symbol des Widerstands. Seit Sonntag ist er ein gefallenes Symbol.
Die international scharf kritisierte Offensive gegen die Kurdenenklave Afrin startete vor zwei Monaten. Nun feiern Erdogan und seine Gefolgsleute den Sieg über die Miliz YPG als großen Erfolg. Die Türkei kann ihr Einflussgebiet in Syrien erheblich ausweiten. Aber Erdogan will mehr – und schielt nach Osten. In Afrin habe man „ein Komma gesetzt“, sagte er in Ankara. „So Gott will kommt als nächstes ein Punkt.“
Das klingt nach einem antikurdischen Rundumschlag in der Region. Tatsächlich droht Erdogan, gleich gegen mehrere Hochburgen der YPG ziehen zu wollen, die die Türken als syrischen Ableger der verbotenen PKK betrachten. Ziele sind die Städte Manbidsch, Kobane – und Kamischli an der syrisch-irakischen Grenze. Und selbst hier soll noch nicht Schluss sein. Auch die „Terrorcamps“ der PKK im Nordirak wolle man „wenn nötig anhaltend unter Kontrolle bringen“. Heißt: Ein Einmarsch in den Irak ist nicht ausgeschlossen.
Vergleichbare Einsätze gab es schon um die Jahrtausendwende. Sie waren mit der damaligen irakischen Regierung abgesprochen und richteten sich gezielt gegen PKK-Rückzugsgebiete, etwa die Kandil-Berge an der Grenze zum Iran. Auch diesmal wird verhandelt, neben Kandil geht es auch um ein Eingreifen in der Sindschar-Region. Die Türkei setzt die irakische Regierung heftig unter Druck. Die solle die Sache lösen, sagte Erdogan, sonst werde man es selbst tun. „Wir würden sofort eines Nachts urplötzlich in Sindschar einmarschieren und es von der PKK säubern.“
Ein türkischer Alleingang im Irak? „Das wäre nach Afrin noch mal eine ganz andere Eskalationsstufe“, sagt der Türkei-Experte Kristian Brakel von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Denn anders als Syrien hat sich der Irak zumindest eine gewisse staatliche Stabilität bewahrt. Und anders als in Syrien oder in der Türkei leben die Kurden im Nordirak seit 20 Jahren weitgehend autonom – und streben sogar einen eigenen Staat an.
Es ist kein Geheimnis, dass Erdogan mit seiner Afrin-Offensive vor allem das Entstehen einer vergleichbaren kurdischen Autonomie in Syrien verhindern wollte. Türkei-Experte Brakel ist sich aber sicher: „Eine neue Offensive im Irak würde sich nicht gegen die kurdische Autonomie selbst richten.“ Vielmehr sehe Ankara, dass die Präsenz der PKK seit 2014 stellenweise stark gewachsen sei.
Nicht weniger heikel ist die angedrohte Offensive im syrischen Manbidsch, wo auch US-Truppen stationiert sind. Sollte die Türkei ernst machen, droht eine Konfrontation. Manbidsch sei „ein Pulverfass für die beiden Nato-Partner“, sagt Aaron Stein vom Politikinstitut Atlantic Council. Erdogan scheint das Risiko minimieren zu wollen. Er hat Gespräche mit der US-Regierung angekündigt.
Wozu große Offensiven führen können, zeigt sich derzeit in Afrin. Wie Helfer berichten, plündern die mit der Türkei verbündeten syrischen Kämpfer seit Sonntag Geschäfte und Häuser. Zudem seien tausende Menschen auf der Flucht. Erdogan betont indes, man arbeite an der Grundversorgung der Menschen. Aber einen Plan für die Zeit nach dem Chaos ist er bislang schuldig geblieben.