Rom – In Italien schwankte die Stimmung nach der Parlamentswahl Anfang des Monats, je nach Sichtweise, zwischen tiefer Ratlosigkeit und blankem Entsetzen. Die gewohnte Parteienlandschaft Italiens präsentiert sich seit dem politischen Erdbeben durcheinandergerüttelt wie seit Jahrzehnten nicht. Zwar ist die populistische Fünf-Sterne-Bewegung in beiden Kammern stärkste Partei geworden – doch von einer absoluten Mehrheit der Mandate, die Spitzenkandidat Luigi di Maio, 31, zum Amt des Premiers verhelfen würde, ist sie weit entfernt.
Im fragilen Rechtsbündnis hat indes die fremdenfeindliche Lega Silvio Berlusconis Forza Italia als dominierende Kraft abgelöst. Die internen Gewichte haben sich deutlich verschoben. Lega-Chef Matteo Salvini, der sich als zweiter Sieger des Urnengangs fühlt, beansprucht seither die politische Führung auf der Rechten für sich. Dabei lässt er keine Gelegenheit aus, öffentlich zu demonstrieren, wer nun Chef im Hause ist.
Sein jüngster Coup: Über den Kopf seines alten Partners Silvio Berlusconi hinweg hat er in geheimen Gesprächen ein Abkommen mit Luigi di Maio geschmiedet. Vordergründig geht es dabei um die Besetzung der Präsidentenposten in Kammer und Senat und die rasche Herstellung der parlamentarischen Arbeitsfähigkeit. So zumindest betonen es beide Seiten. In Wirklichkeit, darüber sind sich die politischen Beobachter einig, steckt mehr dahinter: Es geht um das zukünftige Regierungsbündnis.
Dass sich Lega und Fünf Sterne derart rasch aufeinander zubewegen, hat zumindest Signalwirkung. Die Furcht in den anderen Lagern vor einer Koalition der populistischen und teils antieuropäischen Kräfte wächst jedenfalls täglich.
Mit der heutigen Eröffnung der neuen Legislaturperiode beginnt auch der Reigen der offiziellen Konsultationen zwischen Staatspräsident Sergio Mattarella und den Partei- und Fraktionschefs. Schon jetzt tobt im Rechtsbündnis ein Streit, ob die Parteiführer Berlusconi und Salvini gemeinsam im Quirinalspalast aufschlagen oder getrennt verhandeln. Der Ex-Cavaliere und langjährige Regierungschef sieht nach seiner schweren Niederlage auch noch die letzten Felle davonschwimmen und legte gestern eine bemerkenswerte Volte aufs politische Parkett: Auch er sei nun offen für Gespräche mit den der Fünf-Sterne-Bewegung, die er im Wahlkampf noch als Hauptgegner bekämpft hatte. Damit wolle er sich, so Vertraute, wenigstens einen Rest an politischem Einfluss erhalten. Doch aus der Geste spricht pure Verzweiflung: Den Kampf um ein Comeback hat er krachend verloren.
Von den Fünf Sternen kam postwendend eine Abfuhr: „Wir sprechen ergebnisoffen mit allen auf allen Seiten. Aber nicht mit rechtskräftig verurteilten oder in Verfahren verwickelten Personen“, stellt Luigi di Maio klar. Das ist nur folgerichtig; Berlusconi gilt geradezu als die Symbolfigur für jene korrupte politische Klasse, die die Wutwähler der Protestbewegung Fünf Sterne, die der Komiker Beppe Grillo gründete, endgültig zum Teufel schicken wollen. Zwar trennen auch Lega und die Fünf Sterne in vielen Punkten Welten. Doch in einem Punkt sind sie sich absolut einig: Dem Ehrgeiz, Italien umzukrempeln. Ob das als politischer Kitt reichen wird, bleibt fraglich. Die Hoffnung der gemäßigten Kräfte richtet sich nun auf die großen Wahlverlierer vom Partito Democratico. Auch innerhalb der Partei werden die Stimmen immer lauter, die zumindest über eine Tolerierung einer Alleinregierung di Maios nachdenken wollen. Für die erklärten Pro-Europäer könnte es der letzte Strohhalm sein. Ingo-Michael Feth