München – Der Separatistenführer Carles Puigdemont ist frei – und jetzt? Im Interview spricht Jaume Villalba, 51, Vorsitzender der Initiative „Katalanische Nationalversammlung München“, über die Hoffnung der Katalanen.
-Herr Villalba, hätten Sie Anfang der Woche an die Freilassung geglaubt?
Für uns kam das gar nicht so überraschend. In Spanien scheint die Justiz zu machen, was die Regierung sagt. Aber Deutschland ist ein demokratischer Rechtsstaat.
-Was fühlen Sie? Erleichterung, Genugtuung?
Große Erleichterung. Wir hatten schon Demonstrationen in ganz Deutschland für Puigdemonts Freilassung geplant, die werden jetzt in Feiern umorganisiert. Die Entscheidung ist ja nicht ohne: Puigdemont kann nicht mehr wegen Rebellion angeklagt werden – für die anderen politischen Gefangenen in Spanien sollte das auch gelten. Es gibt viel zu feiern.
-Was erwarten Sie jetzt von Spaniens Regierung?
Eigentlich nichts. Jahrzehntelang haben die Parteien, vor allem Mariano Rajoys Partido Popular, Stimmung gegen Katalonien gemacht, um Wähler zu gewinnen. Würden sie das aufgeben, würden sie von den Leuten abgestraft. Rajoy ist also unter doppeltem Druck: in Spanien und gleichzeitig in Europa. Es gibt keine Lösung, bis ein Vermittler kommt.
-Wen würden Sie sich wünschen? Deutschland?
Ja, zum Beispiel. Deutschland hat einen guten Ruf und viel Macht in der EU. Außerdem ist die Selbstverwaltung gerade hier in Bayern ein Vorbild, mit dem viele Katalanen schon zufrieden wären. Die Frage ist, ob Angela Merkel sich das aufhalsen möchte. Sie sagt ja noch immer, das sei eine innerspanische Angelegenheit.
-Ist ein Gespräch zwischen Spaniern und Katalanen noch möglich, nach allem, was passiert ist?
Natürlich. Auch nach großen Kriegen müssen sich die Leute wieder an einen Tisch setzen und reden. Natürlich gab es viel Gewalt, vor allem von spanischer Seite. Aber verhandeln muss man immer. Wir Katalanen haben eine lange Tradition des Verhandelns. Für Spanier bedeutet verhandeln eher: feige sein.
-Puigdemont muss erst mal in Deutschland bleiben. Was erwarten Sie von ihm?
Er hat in Belgien und Finnland für Katalonien gearbeitet und wird das auch hier tun. Wir bemühen uns schon darum, dass er nach München kommt und hier spricht. Puigdemont ist für uns noch immer der Präsident Kataloniens. Die Spanier denken: Wenn er ins Gefängnis geht, ist der Kampf für die Unabhängigkeit vorbei. Aber sie täuschen sich. Wir haben hunderte Puigdemonts.
Interview: Marcus Mäckler