Spannungen zwischen der Türkei und Griechenland

Kriegsangst in der Ägäis

von Redaktion

von Marcus Mäckler

München – Nebel verschleiert die Sicht auf das Niemandsland, aber es hilft nichts, die Soldaten müssen raus auf Patrouille. Dann fällt auch noch Schnee. Irgendwann an diesem 1. März, irgendwo in dieser trüb-weißen Suppe an der griechisch-türkischen Grenze verlieren Oberleutnant Angelos Mitretodis, 27, und Feldwebel Dimitris Kouklatzis, 25, die Orientierung. Sie geraten auf türkisches Staatsgebiet, ein paar Meter nur, aber weit genug. Ein Versehen, sagen beide, Spionage, sagt die türkische Justiz. Seither sitzen sie im Gefängnis, jedem von ihnen drohen 15 Jahre Haft.

In der Vergangenheit kam es immer wieder vor, dass griechische oder türkische Soldaten die Grenze überschritten. Um keine Spannungen zu riskieren, tauschte man sie dann einfach aus. „Ich habe Dokumente über hunderte ähnliche Fälle“, sagte Griechenlands Außenminister Nikos Kotzias kürzlich im „Spiegel“. Das sei stets „ohne jede Eskalation“ verlaufen. Bis jetzt.

Die Geschichte ist nur eine von vielen Provokationen, mit denen die Türkei Griechenland seit Monaten gängelt. Anderes Beispiel: Mitte Februar rammte ein Schiff der türkischen Küstenwache ein griechisches Boot, das vor den Imia-Inseln patrouillierte. Die beiden kleinen, unbewohnten Felsbrocken sind umstritten, beide Länder erheben Gebietsansprüche. Nach dem Vorfall beteuerte Ministerpräsident Binali Yildirim sofort, es sei nur ein Missgeschick gewesen. Das mag sein, aber ein provokantes.

Griechenland und die Türkei streiten seit Jahrzehnten um die Ägäis. Es geht um Grenzziehung und Gebietsansprüche, Schürfrechte unter dem Meeresboden und Hoheitsrechte im Wasser und in der Luft. Seit einigen Wochen spitzt der Streit sich zu. Die Provokationen gehen vor allem von der Türkei aus. Täglich dringen ihre Schiffe in griechische Hoheitsgewässer ein, allein 2017 sollen es 2000 Fälle gewesen sein. Das gleiche Bild in der Luft: Türkische Kampfjets verletzten 3300 Mal den griechischen Luftraum, doppelt so oft wie 2016. Oft dauern die Grenzverletzungen nur wenige Minuten, dafür passieren sie manchmal mehr als 100 Mal am Tag. Griechenland antwortet natürlich – mit Abfangjägern und Schiffen.

„Diese Provokationen sind inzwischen tägliches Thema in Griechenland“, sagt Olga Drossou. Sie leitet das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Thessaloniki und verfolgt die Spannungen zwischen beiden Ländern mit großer Sorge. „Im Moment ist die Situation wirklich explosiv.“ Die Sache mit den Soldaten sei ein emotionales Thema, die Grenzüberschreitungen ein Aufreger. „Die Kriegsgefahr ist greifbar, und es wird jeden Tag ein bisschen bedrohlicher.“

Vor allem ist da die Angst, dass in der aufgeheizten Situation ein kleiner, unabsichtlicher Vorfall zur Eskalation führen könnte. Als am Donnerstag ein griechischer Kampfbomber über der Ägäis abstürzte, sah es kurz so aus, als sei der Moment gekommen. Der Pilot hatte geholfen, türkische Flugzeuge abzufangen – allerdings stellte sich bald heraus, dass die türkischen Jets nichts mit dem Unglück zu tun hatten.

Das Verhältnis zwischen Türken und Griechen war nie einfach, seit Jahrhunderten ist es von Misstrauen und Feindschaft geprägt. Das Ur-Trauma sehen viele im Jahr 1453, als die Osmanen die damals griechische Stadt Konstantinopel besetzten. 1821–29 kämpften die Griechen um ihre Unabhängigkeit, nach dem Ersten Weltkrieg tobte der Griechisch-Türkische Krieg. Im Anschluss wurden im Vertrag von Lausanne die Grenzen zwischen den Ländern neu gezogen. Dabei verlor die Türkei nicht nur Zypern, sondern auch die Ägäischen Inseln.

Der Verlust wirkt bis heute nach und nicht wenige träumen davon, zur alten Größe des Osmanischen Reiches zurückzukehren. Präsident Recep Tayyip Erdogan spielt zum Beispiel offen mit Expansionsgedanken und stellt in schöner Regelmäßigkeit den Vertrag von Lausanne infrage, zuletzt Ende 2017 in Athen. Auch die aktuelle Zuspitzung hat viel mit der alten Wunde zu tun. „Im Grunde geht es darum, wem das Ägäische Meer gehört“, sagt Kristian Brakel, Türkei-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Es geht um Vorherrschaft. Und indirekt auch um Schifffahrtsrechte, von denen der leichte Zugang zum Mittelmeer abhängt.

Doch damit nicht genug. Mit einigem Murren beobachtet Erdogan zum Beispiel, dass seit dem Putschversuch 2016 knapp 2000 Türken Asyl in Griechenland beantragt haben. Unter ihnen sind auch acht Offiziere, die am Morgen nach dem gescheiterten Coup in einem Helikopter nach Griechenland flohen. Für Erdogan sind sie Terroristen, trotzdem liefert Griechenland sie nicht aus. Einige Griechen vermuten, dass die Verhaftung der beiden Grenzsoldaten eine Retourkutsche war. Auch der EU-Politiker Manfred Weber (CSU) nannte die beiden Männer unlängst „politische Gefangene“ Erdogans.

Und dann ist da noch der Streit um die geteilte Insel Zypern, der zuletzt zu einem Streit um die Gasvorkommen vor der Küste ausgeartet ist.

Für die am Staatsbankrott kratzende Insel war der Fund eines riesigen Erdgasschatzes gleich vor ihrer Südküste ein Segen. 2012 schätzte die Royal Bank of Scotland den Wert der Vorräte auf 600 Milliarden Euro. Um die Vorkommen erforschen und das Gas fördern zu können, teilte die zypriotische Regierung das Gasfeld in verschiedene Blocks auf und verkaufte Konzessionen an internationale Förderunternehmen.

Gleichzeitig wurden die Herren in Ankara grimmig. Nicht nur, dass die Türkei selbst Ansprüche auf einige der Explorationszonen anmeldet. Sie wirft der zypriotischen Regierung im griechischen Süden der Insel auch vor, den türkisch besiedelten Norden nicht ausreichend zu beteiligen. Deshalb blockierten türkische Kriegsschiffe in den vergangenen Monaten immer wieder Erkundungseinsätze der Förderunternehmen. Zuletzt hinderte die türkische Marine ein Bohrschiff des italienischen Energiekonzerns ENI an der Auskundschaftung eines Gasfelds (siehe Grafik).

Nicht nur die Griechen sind besorgt über das Verhalten der Türkei, auch die EU hat bei ihrem Gipfel Ende März „die fortgesetzten illegalen Handlungen“ scharf verurteilt. Das bezog sich unter anderem auf die Grenzverletzungen. Aber vor allem auf das Vorgehen im Gasstreit mit Zypern. Die Staats- und Regierungschefs forderten die Türkei dringend auf, die „illegalen Handlungen“ einzustellen. An Erdogan prallte das allerdings ab.

Stattdessen gehen die Provokationen weiter. Warum?

„Erdogan legt es nicht auf einen militärischen Konflikt an“, sagt Türkei-Experte Brakel. Vielmehr wolle er den Druck so weit erhöhen, dass eine Vermittlung von außen unausweichlich wird. Auf diesem Weg hoffe er, „bessere Bedingungen für die Türkei raushandeln zu können“. Sowohl im Gasstreit, als auch in der Auseinandersetzung um die Hoheitsgebiete.

Wenn es so ist, dann ist der Punkt der höchsten Spannung noch nicht erreicht. Die Stimmung heizt sich jedenfalls immer weiter auf. Zuletzt schickte der griechische Verteidigungsminister Panos Kammenos 7000 Soldaten an die türkisch-griechische Landgrenze und auf die Ägäis-Inseln, nachdem sein Amtskollege in Ankara lautstark behauptet hatte, die umstrittenen Imia-Inseln gehörten zur Türkei. Hinzu kommen die täglichen Scheingefechte zwischen türkischen und griechischen Bombern und Kriegsschiffen. Was, wenn es tatsächlich mal zur Eskalation kommt – und wenn nur aus Versehen?

„Man erwartet hier quasi täglich einen Unfall, der das Fass zum Explodieren bringt“, sagt Olga Drossou von der Heinrich-Böll-Stiftung. Auch die griechische Regierung handele in der Krise nicht geschickt, weil sie keine klare Position habe. Vor allem der rechte Koalitionspartner fordere – zusammen mit der Opposition–, gegenüber der Türkei offensiver aufzutreten.

1996 kam es schon mal fast zu einem Krieg. Es ging, wie heute, um die Imia-Inseln. Damals vermittelte US-Präsident Bill Clinton. Es war eine Rettung in letzter Sekunde.

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