Antisemitismus

Mann prügelt auf Kippaträger ein

von Redaktion

von A. Rabenstein, S. Lemel und M. Mäckler

Berlin – Das Video dauert nur 50 Sekunden, aber es steckt voller Hass. Zu sehen ist ein junger Mann, er hat einen Gürtel in der rechten Hand und schlägt damit wie besessen auf den Filmenden ein. Dabei ruft er mehrmals „Jahudi“, was auf Arabisch Jude bedeutet. Sowohl der Angegriffene als auch sein Begleiter – ein Israeli, 21, und ein Deutscher, 24, – tragen eine Kippa.

Das mit einer Handykamera aufgenommene Video stammt von Dienstagabend. Offenbar geht der Vorfall auf eine Experiment zurück, denn zumindest der Israeli ist offenbar kein Jude. „Ich bin nicht jüdisch, ich bin Israeli, ich bin in Israel in einer arabischen Familie aufgewachsen“, sagte der 21-Jährige am Mittwoch in einem Interview der Deutschen Welle. Ein Freund habe ihn gewarnt, man sei in Deutschland nicht sicher, wenn man eine Kippa trage. Das habe er nicht geglaubt, erklärte der Mann weiter – und es deshalb ausprobiert.

Einem israelischen Fernsehsender erzählte er, die beiden seien im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg unterwegs gewesen. „Wir haben mit niemandem gesprochen.“ Dann hätten plötzlich drei Männer angefangen, sie zu beschimpfen. Möglicherweise, weil sie Kippa trugen, die traditionelle jüdische Kopfbedeckung. Als der junge Deutsche die Männer aufgefordert habe, damit aufzuhören, seien sie sauer geworden. „Einer von ihnen rannte auf mich zu.“

Auf dem Video ist zu hören, wie der junge Deutsche ruft: „Jude oder nicht Jude, du musst damit klarkommen.“ Dann entfernen sich der Schläger und seine Begleiter. Als der 21-Jährige sie verfolgte, nahm der Schläger eine Glasflasche und versuchte, ihn damit zu schlagen. Eine Zeugin ging dazwischen, trotzdem wurde der 21-Jährige leicht verletzt. Nun ermittelt der Staatsschutz. Der Täter ist bisher noch unbekannt.

In der jüngsten Zeit ist es gerade in Berlin gehäuft zu antisemitischen Übergriffen gekommen. Ende 2017 wurde ein jüdischer Restaurantbesitzer auf offener Straße von einem Deutschen beleidigt. Im März wurde bekannt, dass eine Zweitklässlerin an einer Berliner Grundschule von muslimischen Mitschülern gemobbt wurde. Einer soll sogar gedroht haben, sie umzubringen, weil sie nicht an Allah glaube. Das jedenfalls erzählte der Vater des jüdischen Mädchens in einem Interview.

Angesichts der gehäuften Vorfälle sieht der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, vor allem in Städten ein „Bedrohungspotenzial“ für Juden. Auffällig sei, dass sich der Vorfall in einem gut situierten Szeneviertel und nicht in einem muslimisch geprägten Stadtteil ereignet habe. Wichtig sei es jetzt, den Täter zu fassen und herauszufinden, was ihn antisemitisch geprägt habe – und nicht nur einfach zu schauen, ob er „muslimisch oder nicht-muslimisch“ sei. „Kein Mensch wird als Antisemit geboren.“

Auch führende Politiker verurteilten den Angriff. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) nannte ihn unerträglich. „Entsetzliche Bilder aus Berlin“, twitterte FDP-Chef Christian Lindner. „Dagegen muss man entschieden vorgehen.“ Der Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke), forderte eine konsequente Aufklärung des Vorfalls. Zudem sprach er sich dafür aus, antisemitische Vorfälle an Schulen zu erfassen und die Ursachen zu erforschen.

Im vergangenen Jahr zählte die Polizei 1453 Straftaten gegen Juden oder jüdische Einrichtungen in Deutschland; darunter 32 Gewalttaten und 898 Fälle von Volksverhetzung. In den meisten Fällen seien die Täter Rechtsextreme. Experten sehen aber auch muslimischen Antisemitismus als wachsendes Problem.

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