Angela Merkel hat gestern nach ihrem Treffen mit Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron einen bemerkenswerten Satz gesagt: „Ich glaube, dass die Summe unserer Vorschläge zum Schluss zu einem guten Ergebnis kommen kann.“ Die Summe? Merkels Satz impliziert, beide Seiten hätten Vorschläge unterbreitet, wie sich die Europäische Union weiterentwickeln soll. Tatsächlich kamen die Ideen bislang allein aus Paris. In Berlin beschränkt man sich auf die Rolle einer etwas in die Jahre gekommenen Jury, die dem agilen französischen Vorturner mit strengem Blick durchwachsene Haltungsnoten verteilt.
Da ist sie wieder, die alte Angela Merkel von vor der Flüchtlingskrise, die alle in eine hitzige Debatte ziehen lässt, bis sie völlig zerzaust sind, um dann die eigenen Anliegen ohne Schaden durchzusetzen. Der Glanz des in der Heimat zunehmend unter Druck geratenen Macron beginnt bereits zu verblassen. Tapfer hält er Reden, besucht Brüssel und Berlin – ohne einen Schritt weiterzukommen.
Das ist bedauerlich, selbst wenn man nicht allen seinen Vorschlägen zustimmt. Denn die Diagnose läge auf der Hand: In Zeiten von Trump, Putin und Erdogan sowie einem immer unverhohlener den eigenen Machtanspruch forcierenden China kann Europa nur als Gemeinschaft bestehen. Rückwärtsgewandte Anhänger von Nationalstaaten dürften sich in der sich neu sortierenden Weltordnung bald die Augen reiben. Doch für die neuen Anforderungen braucht Europa eine neue Architektur. Keine kleinen Korrekturen der Handwerkerin Merkel, sondern neue Pläne, die die Statik des europäischen Hauses sichern. De Gaulle und Adenauer, Valéry Giscard d’Estaing und Schmidt, Mitterrand und Kohl – die großen Tandems der europäischen Einigung hatten den Mut, sich der innenpolitischen Debatte zu stellen. Bringt Merkel ihn nicht auf, wird Europa nicht weiterkommen.
Mike Schier
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