Spannungen zwischen dem Iran und Israel

Zum Geburtstag ein Krieg?

von Redaktion

von Marcus mäckler

München – Mitten in seiner Rede reckt Benjamin Netanjahu ein schrottiges Stück Metall nach oben, so lang wie sein Arm, ungefähr. Dann zieht er die Augenbrauen hoch und sucht den Saal nach einem Mann ab: Mohammed Dschawad Sarif, Außenminister des Iran. „Herr Sarif, kennen Sie das?“, raunt Israels Ministerpräsident dem Iraner bissig zu. „Es gehört Ihnen.“

Das Stück Metall, sagt Netanjahu, sei Teil einer iranischen Drohne, die über israelischem Territorium abgeschossen wurde. Er warnt, man solle Israels Entschlossenheit nicht auf die Probe stellen. Dann droht er mit Vergeltung.

Die beiden Länder sind seit 40 Jahren tief verfeindet. Aber der denkwürdige Auftritt Netanjahus bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar hat noch mal klar gemacht, wie tief die Gräben wirklich sind. Seither ist viel passiert, was die Spannungen hat anwachsen lassen. Dazu gehört die Tatsache, dass mit Baschar al-Assads De-facto-Sieg in Syrien eine Dauerpräsenz iranischer Truppen an Israels Grenze droht. Den Drohnen-Vorfall sieht man in Jerusalem als Vorbote darum dessen, was bevorstehen könnte. Israels ehemaliger Sicherheitsberater Jaakov Amidror warnte unlängst offen vor einem Krieg.

Es ist offensichtlich: In der feindseligen Beziehung beider Länder verschiebt sich etwas. Bisher trugen Israel und der Iran ihre Rivalität über Dritte aus: zum Beispiel die Hisbollah-Miliz, die – unterstützt vom Iran – Raketen auf Israel schießt. Die Sache mit der Drohne, von der es inzwischen heißt, dass sie bewaffnet war, ist dagegen neu. Ein hoher israelischer Sicherheitsbeamter sagte kürzlich in der „New York Times“: „Es war das erste Mal, dass Iran etwas direkt gegen Israel tat, nicht über Stellvertreter.“ Er sprach vom „Beginn eines neuen Abschnitts“.

Experten gehen davon aus, dass der Raketenangriff auf den syrischen Militärflugplatz T4 Anfang April die israelische Antwort auf den Drohnen-Vorfall war. Unter den 14 Toten waren sieben Iraner, auch Oberst Mehdi Deghan, der die Drohneneinheit auf dem Flugplatz befehligte. Das berichten mehrere Medien. Aber die Sache ist möglicherweise noch brisanter. Wie das „Wallstreet Journal“ berichtet, richtete sich der Angriff nicht nur gegen die Drohneneinheit, sondern gegen ein Flugabwehrsystem, das die Iraner dort angeblich aufbauen wollten. Der israelische Angriff, so das Magazin, sei mit US-Präsident Donald Trump abgesprochen gewesen.

Die iranische Führung blieb nach der Attacke lange auffällig ruhig. Am Montag sagte ein Sprecher des iranischen Außenministeriums dann, Israel werde „früher oder später die Antwort auf diese Angriffe erhalten, so dass das Regime seine Tat bereut“. Seither ist man in Jerusalem nervös. Israelische Medien veröffentlichten am Dienstag Luftaufnahmen, die eine erhöhte Präsenz iranischer Milizen im Grenzgebiet zu Syrien belegen sollen. Das israelische Militär an der Nordgrenze des Landes ist in erhöhter Alarmbereitschaft.

Der Iran-Experte Ali Fathollah-Nejad vom Brookings Doha Center hält eine Antwort für wahrscheinlich. Die Frage sei bloß, wie sie aussehe. „Vermutlich greift der Iran von Syrien aus eine Militärbasis in Israel an“, sagt er. Das würde zwar die USA und Europa heftig irritieren – auch mit Blick auf die Verlängerung des umstrittenen Atom-Abkommens. Aber es wäre immer noch sicherer als ein anderes Szenario: ein direkter Raketenangriff vom Iran aus, zum Beispiel auf eine israelische Stadt.

Das sei nicht ganz ausgeschlossen, sagt Fathollah-Nejad. Die Gründe liegen in der Innenpolitik. „Die politische Führung steht noch immer unter großem Druck, die Proteste gegen das Regime sind noch lebendig.“ Eine Konsequenz könnte sein, dass Teheran ein „Ablenkungsmanöver“ starte. Das Manöver hieße: Krieg.

Israel feiert im Moment seinen 70. Geburtstag mit Festen im ganzen Land. Für das iranische Regime böte sich – zynisch gesprochen – genau jetzt der ideale Zeitpunkt, loszuschlagen. Zwar hat Präsident Hassan Ruhani den Nachbarstaaten Mitte der Woche versichert, „dass wir keine Aggression gegen euch im Schilde führen“, betonte aber zugleich, man werde weiterhin „alle Waffen produzieren, die wir brauchen“.

Die Spannungen, heißt das im Klartext, werden sich nicht so schnell lösen.

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