Zeichen gegen Antisemitismus

„Weiter-so geht nicht“

von Redaktion

Von Stefan Kruse und Esteban Engel

Berlin – Als Zeichen gegen den Antisemitismus sind in mehreren deutschen Städten tausende Menschen mit der traditionellen jüdischen Kopfbedeckung, der Kippa, auf die Straße gegangen. Juden und Nicht-Juden versammelten sich gestern unter anderem in Berlin, Köln, Erfurt, Magdeburg und Potsdam zu Solidaritätskundgebungen. Der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, warnte davor, den Judenhass in Deutschland kleinzureden. Viele Juden hätten davor Angst, sich öffentlich zu ihrem Glauben zu bekennen.

Anlass für die Demonstrationen war die judenfeindliche Attacke auf einen 21-jährigen Israeli und seinen Freund vor gut einer Woche in Berlin. Drei arabisch sprechende Männer hatten am 17. April den Israeli, der eine Kippa trug, antisemitisch beschimpft. Einer der Männer hatte auf den 21-Jährigen mit einem Gürtel eingeschlagen. Der mutmaßliche Täter, ein Palästinenser aus Syrien, sitzt in Untersuchungshaft.

„Berlin trägt Kippa“ – unter diesem Motto versammelten sich nach Polizeiangaben rund 2500 Menschen vor dem Jüdischen Gemeindehaus in Berlin-Charlottenburg. Dort berichtete Zentralratspräsident Schuster von wachsenden Sorgen unter Deutschlands Juden. Eltern trichterten ihren Kindern ein, außerhalb der Synagoge die Kippa abzusetzen oder ein Basecap darüber zu ziehen. „Sie sagen ihrer Tochter in der U-Bahn, sie soll die Kette mit dem Davidstern unterm Pullover verschwinden lassen. Sie verzichten zum 70. Geburtstag von Israel auf das T-Shirt mit Israel-Flagge“, so Schuster.

„Es reicht“, betonte der Zentralratspräsident. Ein „Weiter-so“ dürfe es nicht geben. „Wir haben uns in Deutschland viel zu gemütlich eingerichtet. Ein bisschen Antisemitismus, ein bisschen Rassismus, ein bisschen Islam-Feindlichkeit – ist doch alles nicht so schlimm? Doch, es ist schlimm“, sagte Schuster.

Zuvor hatte Schuster auch ein klares Wort der Muslime gegen den Antisemitismus in den eigenen Reihen verlangt. „Es ist fünf vor zwölf. Es wird in Berlin langsam ungemütlich. Aber noch haben wir nicht solche Verhältnisse wie in Frankreich oder Belgien“, sagte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) sagte: „Antisemitismus hat in unserer Stadt keinen Platz“. Der CDU-Fraktionsvorsitzende in Bundestag, Volker Kauder, betonte, Deutschland akzeptiere den Antisemitismus nicht. „Diejenigen, die hier leben wollen, müssen das auch wissen.“

„Hier zu sein, ist für mich eine gute Sache“, sagte Till Jehoshua, ein Demonstrationsteilnehmer in Berlin. Er sei schon mehrmals angegriffen worden, weil er eine Kippa getragen habe. Auch viele Frauen hatten sich eine Kippa aufgesetzt. „Ich will zeigen, dass jeder in Berlin frei leben sollte – egal welcher Couleur“, sagte Doro Faxel vor dem Gemeindezentrum.

Nicht überall blieben die Demonstrationen unbehelligt: Eine kleinere Demonstration gegen Antisemitismus in Berlin-Neukölln wurde abgebrochen, weil sich die Teilnehmer durch Passanten bedroht fühlten.

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