Die Kanzlerin in Washington

Trump versucht’s mit Charme

von Redaktion

von Michael Donhauser und Jörg Blank

Washington – Bei der Lady aus Berlin versucht es der amerikanische Haudrauf mit Charme. Schon bevor Donald Trump die Bundeskanzlerin im Weißen Haus empfängt, tut er erst mal kund, wie sehr er sich auf die Begegnung mit Angela Merkel freut und lässt verbreiten, wie stolz er doch sei, der Enkel eines deutschen Einwanderers zu sein. Lächeln und Küsschen bei der Ankunft – auch den Handschlag, beim ersten Besuch trotz mündlicher Ermahnung der Kanzlerin noch ausgefallen, bekommt der große Blonde diesmal unfallfrei hin.

„Es ist eine große Ehre, Kanzlerin Merkel hier zu haben“, sagte Trump. „Sie ist eine außergewöhnliche Frau“, fügt er hinzu, nachdem er die „großartige Beziehung“ zwischen beiden unterstreicht, die nie schlecht gewesen sei, was selbstverständlich in der Öffentlichkeit missverstanden worden sei. Und überhaupt: Die Kanzlerin mache einen „großartigen Job“.

Auch Merkel nimmt den wichtigen Verbündeten verbal in den Arm. Sie verweist auf die guten Beziehungen und erinnert an die vielen Millionen Amerikaner, die in Deutschland bei den US-Streitkräften Dienst taten. Sie verspricht, dass die Verteidigungsausgaben steigen und der deutsche Handelsüberschuss sinken werden. Und sie relativiert sogar ein wenig auch ihre frühere Aussage, Europa könne sich auf die USA unter Trump nicht mehr verlassen.

So richtig warm werden dürften Merkel und Trump wohl trotzdem nicht mehr miteinander. Konkrete Ergebnisse können sie nach fast drei gemeinsamen Stunden im Weißen Haus nicht vorweisen. Handelsschranken: „Das ist die Entscheidung des Präsidenten“, sagt Merkel nur. Am Dienstag läuft eine Schonfrist für die EU und weitere Länder aus. Ob die verlängert wird? Das Fragezeichen bleibt.

Der Ärger des Präsidenten über sein Riesen-Handelsdefizit auch mit Deutschland, die teuren deutschen Autos auf den US-Straßen, den aus seiner Sicht viel zu geringen Beitrag Berlins zur Nato: In jedem Punkt fächert Merkel ihm ihre Haltung auf und bleibt bei ihren Positionen. Als Trump die Kritikpunkte der USA offen anspricht, blickt Merkel ungerührt in ihren Sprechzettel auf dem Rednerpult.

Der viel zitierte Handelskrieg bleibt vor dem Stichtag 1. Mai, an dem Trump über die weitere Aussetzung der Strafzölle auf Stahl und Aluminium für die EU entscheiden will, ein Nervenkrieg. Der Präsident verlangt als Vorleistung Zugeständnisse, etwa ein Einfrieren der Stahlexporte. Das ist eher ein Trick, hatte ihm Handelsminister Wilbur Ross die Obergrenzen doch schon in der Ministeriumsvorlage als Alternativen zu Zöllen angeboten. Die Europäer wollen das nicht mitmachen. Sie pochen darauf, dass Trump die Ausnahmen verlängert. Viel Zeit bleibt nicht bis Dienstag.

Merkel tat vermutlich gut daran, nicht allzu schroff aufzutreten und die Unterschiede mit Trump öffentlich nicht zu deutlich herauszuarbeiten. Sie weiß, dass Deutschland das Verhältnis zu den USA nicht aufs Spiel setzen darf. „Die Regierungsbildung hat etwas gedauert, aber mir ist es ganz wichtig, dass der erste Besuch außerhalb Europas mich in die USA führt“, sagte die Kanzlerin schon zu Beginn. Es war ihr so wichtig, dass sie es noch einmal wiederholte.

Merkel setzt weiter darauf, dass ein massiver Handelskrieg mit der EU verhindert werden kann. Auf Trumps wilde Drohungen mit gleicher Münze zu reagieren, will sie vermeiden. Trumps Methoden lehnt sie ab. Auf diese Art werde nur noch mehr zerstört – und Trump auch noch in die Hände gespielt.

Merkel setzt da lieber auf Fakten und Überzeugung. Für Trump hat sie etwa die Information im Gepäck, dass im Jahr zwar 480 000 Personenwagen aus Deutschland in die USA exportiert werden – aber zugleich aus den USA 493 600 Autos ausgeführt, die amerikanische Arbeiter in Fabriken deutscher Autokonzerne zusammengeschraubt haben.

Ob Merkels Hinweis auf diesen deutschen Beitrag für Arbeitsplätze und Wertschöpfung in den USA Trumps Zorn besänftigen können? Wohl kaum. Zumal wichtige Zwischenwahlen vor dem Präsidenten liegen und ihm der Eindruck bei den US-Wählern allemal wichtiger ist als die Sympathie der Deutschen.

Dennoch will Merkel den Eindruck verwischen, dass der Franzose Emmanuel Macron, gerade von einem formellen Staatsbesuch mit viel Pomp aus Washington zurückgekehrt, der erste Ansprechpartner der USA in Europa ist. US-Medien überschlagen sich mit der Deutung, Merkel habe gegenüber Macron an Boden verloren, was die Führungsrolle in der EU angeht.

Woran es liegt, dass eher Macron als sie selbst einen guten Draht zum Trump findet, darüber dürfte sich die Kanzlerin keine Illusionen machen: Nachdem sie zuletzt gut mit seinem Vorgänger Barack Obama ausgekommen war, gehört Merkel für den unberechenbaren US-Präsidenten wohl einfach zu dem von ihm verhassten Vorgängersystem.

Doch dass es Merkel wirklich belastet, wenn Trump Macron den Vorzug gibt, ist kaum zu erwarten. Sie misst solche Treffen an deren Ergebnissen. Und glaubt nicht daran, dass noch so pompöse Staatsdinner wie die für Macron oder andere Demonstrationen angeblicher Nähe Trumps Kurs beeinflussen könnten. Der bleibe einfach beim „Amerika zuerst“. Für Merkel bleibt da nur der Grundsatz: Miteinander zu reden ist besser, als nicht miteinander zu reden. Auch wenn es noch so schwierig und mühsam ist.

Artikel 1 von 11