„Brexit? Es muss passieren!“

von Redaktion

Der deutsche Brexit-Beauftrage Peter Ptassek über offene Fragen, junge britische Diplomaten und ein beiderseitiges Verlustgeschäft

München – Dr. Peter Ptassek hat in den vergangenen 22 Monaten viele britische Beamten kennengelernt. Er hält sie für klug, pfiffig, loyal. Das Problem ist nur: Viele sind schnell wieder weg. Ptassek, der deutsche Diplomat aus dem Auswärtigen Amt in Berlin, glaubt zu wissen, warum. Die Beamten müssen umsetzen, was sie selbst nur schwer nachvollziehen können. Sie verhandeln den Brexit.

Als die Briten im Juni 2016 entschieden haben, die Europäische Union zu verlassen, hat sich auch Peter Ptasseks Job verändert. Die Bundesregierung beauftragte ihn, die deutschen Interessen in den Brexit-Verhandlungen zu vertreten. Wenn er in diesen Tagen mit den Briten zusammenkommt, treffe er viele junge Kollegen, die meisten seien Berufsanfänger. In Brüssel fallen ihm seit dem Brexit-Votum die „signifikant kürzeren Amtszeiten der Briten“ auf. Ein Detail, das viel über die Verhandlungen verrät.

Am Freitagabend hat Ptassek, 57, viele dieser Details erzählt. Er hat sich mit den Fragen von Bürgern in München auseinandergesetzt. Manche Fragen drängen, am 30. März 2019 sollen die Briten offiziell aus der EU austreten – wenn auch bis Ende 2020 eine Übergangsphase folgt. Doch selbst der deutsche Spitzendiplomat musste zugeben: „Wir wissen noch immer nicht, wie das neue Verhältnis aussieht.“

Wenn Ptassek den Brexit analysiert, erklärt er die Probleme mit kleinen Geschichten. Er erzählt von britischen Lehrern, die in Deutschland unterrichten, verbeamtet sind, mit dem Brexit aber ihren Beamtenstatus verlieren. Er berichtet von den Autoherstellern, die ihre Autos fast alle in Großbritannien zulassen, nach dem Brexit aber plötzlich Genehmigungen von Behörden einholen müssten, die nicht zur EU gehören. Ptassek fragt: „Wenn ich einen neuen Spiegel brauche, wer übernimmt dann die Zulassung?“ Er weiß es selbst nicht.

Im Wirrwarr des Brexit gibt es nur wenige Gewissheiten. Drei Ansagen haben die Briten formuliert: Sie wollen raus aus der EU, der Zollunion und dem Binnenmarkt. Wenn Ptassek in England ist, hört er einen Satz immer wieder: „It needs to happen.“ Es muss passieren. Nur wie? Natürlich sei Deutschland auch in Zukunft an einer „engen Zusammenarbeit“ interessiert, immerhin hängen 750 000 Jobs an dem Handel mit Großbritannien. Man könne bei allen Bemühungen aber nicht den Eindruck erwecken, es ändere sich nichts. „Der Brexit ist ein Verlust-Geschäft für beiden Seiten“, sagt Ptassek. „Wenn wir uns geschickt anstellen, können wir die Verluste begrenzen.“

Er setzt sich im Namen der Bundesregierung dafür ein, dass Briten, die in Deutschland arbeiten, bleiben dürfen, ohne ständig zur Botschaft gehen zu müssen. „Wir wollen sie in ihrem Vertrauen bestätigen“, sagt Ptassek. Auch Studenten sollen weiterhin einen unkomplizierten Zugang erhalten.

Diese Details sind ihm wichtig, sie sind aber nur kleine Bausteine. Der Ablauf des Brexit ist nicht abzusehen. Dass die Briten ihr Referendum kippen, glaubt Ptassek nicht. Er wird weiter in Ruhe abwarten. „Der Brexit hat nicht zur Verfinsterung des Himmels geführt“, sagt er, fügt dann aber an: „Er ist auch noch nicht eingetreten bis jetzt.“ Christopher Meltzer

Artikel 2 von 11