Donald Trump hat entschieden, und jetzt? Ein Interview mir dem Iran-Experten Adnan Tabatabai, 39, vom Mittelost-Forschungszentrum CARPO.
-Herr Tabatabai, droht dem Mittleren Osten Krieg?
Es gibt viele verschiedene Eskalationsstufen, die dorthin führen könnten. Iran wird sich aber erst mal an die so genannte Joint Commission wenden und eine Beschwerde über die amerikanische Nichteinhaltung des Vertrags einlegen. Dann wird es sehr darauf ankommen, wie Europäer, Russen und Chinesen die Situation handhaben.
-Israel scheint die Eskalation lieber zu sein…
Wir müssen unterscheiden: Netanjahu redet das Abkommen schlecht, weil er politisch punkten will. Aber seine Sicherheitsleute halten es, bei aller berechtigten Sorge, für gut. Netanjahus Rhetorik soll den Druck auf Europa, Iran und die USA erhöhen. Immerhin können seine Drohungen auch bei Trump Zweifel wecken nach dem Motto: Einen Krieg im Mittleren Osten wollte ich in meiner Präsidentschaft eigentlich nicht.
-Wie wird sich Iran nun verhalten?
Der dortigen Führung stellt sich die einfache Frage: Steht das Land mit dem Abkommen besser da als ohne. Auch wenn Trump es nicht aufgekündigt hätte, hätte Iran sich fragen müssen, ob er die permanente Unsicherheit seitens der US-Regierung akzeptiert. Das ist ein einfaches Kosten-Nutzen-Kalkül.
-Iran könnte sein Nuklear-Programm reaktivieren.
Natürlich weiß Teheran um dieses Drohpotenzial. Was glauben Sie, welche Botschaft der Fall Nordkorea in Iran hinterlassen hat: Hat man eine Atomwaffe, kommt der US-Präsident vorbei. Die letzten Signale aus Teheran sind eindeutig: Iran möchte der Welt klarmachen, dass es sein Nuklear-Programm wieder hochfahren kann. Das heißt aber noch nicht, dass Iran eine Atomwaffe anstrebt.
-Kann Europa das Abkommen noch retten?
Das ist sicher möglich. Die Frage wird sein, wie stark der Wille in Europas Hauptstädten ist, in dieser Frage die Konfrontation mit den USA zu suchen. Die Besuche von Emmanuel Macron und Angela Merkel in Washington wirkten nicht sehr entschlossen. Außerdem bräuchte es enge Abstimmung mit Moskau. Ich bin skeptisch.
-Was bedeutet das für den Mittleren Osten?
Ich fürchte, dass Iran sich jetzt gen Osten, also China und Russland, orientiert. Gerade wir Europäer haben eine historische Chance verpasst, mit Iran in einen dauerhaften Dialog zu treten.
Interview: Marcus Mäckler