Iran und Europa

Bewährungsprobe

von Redaktion

Manchmal lässt sich die Verunsicherung vieler daran ablesen, wie viel Einigkeit sie zeigen. Merkel, Macron, May und Co. sind sich im Moment zum Beispiel sehr einig, dass sie das arg beschädigte Atomabkommen mit dem Iran retten wollen – und klammern sich an dieses Mantra, ohne die wichtigste Frage zu beantworten: Wie denn bloß?

Die Situation, in der Europas Anführer stecken, ist wirklich undankbar. Einerseits wollen und müssen sie dem Iran zeigen, dass sie bei der Stange bleiben, auch ohne die USA. Andererseits scheuen sie sich davor, auf völligen Konfrontationskurs zur US-Regierung zu gehen. Die drängt ihre Verbündeten sehr unverhohlen dazu, die wieder eingesetzten Sanktionen quasi durch die Hintertür mitzutragen. Oder wie ist der ziemlich forsche Aufruf des neuen US-Botschafters in Berlin zu verstehen, deutsche Unternehmen sollten sich aus dem Iran zurückziehen?

Es hilft nichts – die Sache hängt an Europa. Und die Frist, in der es eine Lösung finden muss, ist kurz. Trumps Entscheidung hat die Hardliner im Iran gestärkt, die den Atomdeal ebenfalls verabscheuen. Sie sägen bedrohlich am Stuhl des gemäßigten Präsidenten Hassan Ruhani. Immerhin: In der Situation steckt die Chance für Europa, die eigenen Geschicke endlich selbst in die Hand zu nehmen. Die Zeit der Sonntagsreden ist vorbei: Die Iran-Frage ist eine echte Bewährungsprobe.

Marcus Mäckler

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