Münster – Nur einen Katholikentag hat die Protestantin Angela Merkel verpasst, seit sie 2005 Kanzlerin geworden ist. Das war vor zwei Jahren in Leipzig, da war zur selben Zeit der G7-Gipfel in Japan. Als die CDU-Chefin jetzt die Halle Münsterland betritt, wird deutlich, warum sie Katholikentage möglichst nicht auslässt: Mehr als 4000 Menschen drängen sich in den Raum, der den Charme einer Lagerhalle hat, und bereiten ihr einen warmen Empfang mit anhaltendem stehendem Applaus. Katholikentage sind ein Heimspiel für Angela Merkel. In Krisenzeiten eine willkommene Pause zum Auftanken.
Von Münster aus schickt die deutsche Regierungschefin aber auch deutliche Botschaften über den Atlantik an US-Präsident Donald Trump und dessen America-first-Politik. Mit allem Nachdruck macht sie sich für Multilateralismus, die gemeinsame Diplomatie von Staaten, stark. Wenn man international nicht zusammenarbeite, „dann macht eben jeder, worauf er Lust hat. Dann ist das eine schlechte Nachricht für die Welt“, warnt sie. „Für die Bundesregierung kann ich sagen: Wir entscheiden uns auch in schweren Zeiten für die Stärkung des Multilateralismus.“ Gerade in heiklen Zeiten sei das wichtig, fügt sie hinzu und erntet anhaltenden Beifall. Sie zählt die Krisenherde auf – von der Ukraine über die Türkei, Syrien, Libyen bis hin zum Iran. Europa, macht sie klar, ist als Friedensmacht nicht stark genug, um allen bedrohlichen Entwicklungen vor der eigenen Haustür allein zu begegnen. Es brauche mehr Verbündete. „Ich werde mich weiter für eine transatlantische Partnerschaft einsetzen, wo immer es geht.“
Die Asylpolitik darf beim Termin mit der Kanzlerin natürlich nicht fehlen. Auf einem Katholikentag hat sie hier allerdings auch keine harsche Kritik zu befürchten – im Gegenteil. Der Präsident des Zentralkomitees der Katholiken, Thomas Sternberg, lobt Angela Merkel dafür, dass sie das Schicksal der Flüchtlinge nicht als Sachfrage, sondern als eine Frage von Humanität betrachtet. „Dafür bleiben wir Ihnen dankbar.“ Im Gegenzug dankt sie den vielen Ehrenamtlichen, die sich für Geflüchtete einsetzen. In zwei Jahren, so verspricht die Regierungschefin, werde auch ein Einwanderungsgesetz für Facharbeiter kommen – „vielleicht sogar früher“. Daneben gebe es ein Kontingent für humanitäre Fälle. Gerade habe Deutschland eines über 20 000 Menschen abgeschlossen.
Von der großen Welt zur Kirchenpolitik ist es nur ein Katzensprung: Eine Halle weiter berichten zwei Freunde, wie es mit der Ökumene in schwierigen Zeiten weitergehen soll. Münchens Kardinal Reinhard Marx und der evangelische Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm treten dem Eindruck entgegen, dass sich durch den Streit innerhalb der katholischen Bischofskonferenz über die Zulassung von evangelischen Ehepartnern zur Kommunion das Verhältnis der Schwesterkirchen verschlechtert habe. Marx hofft, „dass wir bald zu Regelungen kommen“. Der Papst hatte den deutschen Bischöfen aufgetragen, das einvernehmlich zu lösen. Es dürfe, so Marx, „nicht ängstlich gesehen werden, was alles nicht geht, sondern wir müssen schauen, was geht“. Landesbischof Bedford-Strohm sieht das Positive an der Diskussion: Die große Mehrheit der katholischen Bischöfe sei für eine Zulassung protestantischer Ehepartner, und der Papst wolle eine pastorale Lösung. Diese Hoffnung kann auch der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer nicht trüben, der aus der Ferne den Katholikentag davor warnt, in der Frage des Kommunionempfangs Druck zu machen.
Abseits der ernsten politischen Debatten in den Messehallen geht draußen das bunte, heitere Treiben weiter. Nach den Regengüssen am Himmelfahrtstag ist die wärmende Sonne zurückgekehrt in die Stadt des westfälischen Friedens. Auf der Katholikentagsmeile müssen zeitweise Zelte wegen Überfüllung geschlossen werden. Ein älteres Paar geht an einem Museumsplakat vorbei, das für eine Mumien-Ausstellung im Archäologischen Museum wirbt. „Mumien – solche hätte ich hier ja auch hauptsächlich erwartet“, witzelt die Frau. „Aber man sieht ja jetzt doch auch viel junges Volk.“