Frankreichs Präsident führt die Kanzlerin vor

Macrons Überfall

von Redaktion

Angela Merkel hat eine Woche zum Vergessen hinter sich: Von Trump im Iran-Streit ignoriert, von Macron in der EU-Reformdebatte verspottet – selten wurde der einstigen Miss World aus der Uckermark so schmerzlich vor Augen geführt, dass es in der Politik nur ein Katzensprung ist von der gefeierten Anführerin der freien Welt zur deutschen „lame duck“. Und plötzlich ist sie wieder da: die Kanzlerin der Tippelschritte. Die von den Leitartiklern gescholtene kalte „Madame non“ aus Berlin. Die misstrauische Pragmatikerin der Macht. Doch viele Bürger, denen Merkels Verwandlung zur heißblütigen Mutter Theresa der Flüchtlinge nie ganz geheuer war, werden sagen: Gott sei Dank.

Am deutlichsten wurde Merkels Rück-Verwandlung am Donnerstag bei ihrer kühlen, wenn auch etwas unbeholfenen Antwort auf den frischgebackenen Karlspreisträger Emmanuel Macron. „Warten wir nicht länger“, rief der jugendliche Präsident in Aachen der Kanzlerin feurig zu. Aber auf was genau will Frankreichs Lichtgestalt nicht mehr warten? Zieht man das europäische Pathos ab, bleiben – frei übersetzt – vor allem neue Geldtöpfe für Europa übrig und die Bankenunion, mit denen der Filou aus Paris seinen Reformkurs innenpolitisch abfedern will. Frei nach der alten angelsächsischen Definition Europas: Die EU, das sei eine „french affair with german money“, eine französische Angelegenheit mit deutschem Geld. Nie zuvor seit Einführung des Euro wurde ein Überfall auf die deutschen Ersparnisse so charmant, aber auch so wuchtig geführt wie jetzt durch den reizenden Monsieur Macron.

Es stimmt ja: Europa, die Eurozone brauchen einen Neustart, sonst fliegt uns vor allem das gefährlich kriselnde Italien bald um die Ohren. Berlin kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten, indem es mehr in seine Infrastruktur investiert und dafür die Importe aus seinen Nachbarländern steigert. Woran es aber in der EU bestimmt nicht mangelt, sind immer neue, immer größere Fördertöpfe und französischer Mut, anderer Leute Geld auszugeben. Sondern Regeltreue und Respekt vor dem Stabilitätspakt.

Georg Anastasiadis

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