Zu den literarischen Wurzeln des Wanderns gehört der Bericht, den Petrarca geschrieben hat nach seiner Besteigung des Mont Ventoux im Jahre 1336. Das Naturerlebnis spielt darin allerdings keine Rolle. Dem Dichter geht es um das zehnte Buch der Confessiones des Hl. Augustinus, in dem er unterwegs eifrig liest.
Auch das Wandern der Pilger wie der Handwerksburschen galt nicht der Natur. Der „Wanderzwang“ der Handwerksburschen diente dem Know-how-Austausch quer durch Europa. In fremden Städten sollten sie neue Techniken und Kunstgriffe lernen und dieses Wissen später zu Hause einsetzen. Die Wandervogel-Bewegung dagegen war ein Aufbruch der Jugend vor dem Ersten Weltkrieg aus den bürgerlichen Konventionen und der Enge ihrer Elternhäuser.
Schiller hat zwar in seinem berühmten Hymnus „Der Spaziergang“ einen sich in Auf- und Abstieg und bis an den tiefliegenden Strom wandelnden Pfad recht abstrakt geschildert. Das eigentlich Bewegende dabei aber ist der Schlussgedanke vom selbigen Blau und dem nämlichen Grün über das vereint ferne und nahe Geschlechterwandeln: „Und die Sonne Homers, siehe, sie lächelt auch uns“.
Naturnäher geprägt durch Klopstock ist dagegen Goethe im Osterspaziergang: „Wenn über uns im blauen Raum verloren, ihr schmetternd Lied die Lerche singt. Wenn über schroffen Fichtenhöhen der Adler ausgebreitet schwebt und über Flächen über Seen der Kranich nach der Heimat strebt“.
In der Romantik erst bei Eichendorff tritt die Natur als das Schlüsselerlebnis des Wanderns hervor: „So weit man sehen kann, jetzt blüht´s in allen Wipfeln, nun geht das Wandern an“. Reisen und Wandern sind bei Eichendorff aber vor allem Ausdruck des menschlichen Suchens und der Sehnsucht. Wie in seinem Roman „Aus dem Leben eines Taugenichts“ geht es um den Aufbruch, nicht um das Ankommen. Es geht um zarte Erotik in der Natur: „Wo die Brunnen verschlafen rauschen und die Mädchen am Fenster lauschen in der prächtigen Sommernacht“.
Erst spät, wie in dem Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer „Ein Pilgrim“, wird die Rast eines „Reisejugendtages“ zu einer Wanderung durch das ganze Leben mit dem endlich kommenden Alter: „Du bist ein Pilgrim und ein Wandersmann“. Und von nun an erscheint, wer seinen Ranzen schnürt, auf einer Lebensreise, bereit, mitten im Leben überraschend oder nach einem langen Leben „wandermüde“ dem Tod entgegenzutreten. Bei Justinus Kerner sieht der „Wanderer in der Sägemühle“ vier Bretter fallen, „ein Schrein zur langen Ruh“. Davor aber führen uns die Wanderpfade auf unserer Lebensreise an manche Weggabelung. Dabei den Weg zu wählen, der weniger begangen wird, „the road less traveled by“, darauf kommt es an im Gedicht „The road not taken“ des modernen amerikanischen Lyrikers Robert Frost. Wandern also ist durch die Literatur der Jahrhunderte beides: eine Tätigkeit der Beine – und ein Zustand der Seele!
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