La Malbaie – Man kann in diesen Tagen dabei zusehen, wie Donald Trump mit beiden Händen an den Pfeilern der internationalen Ordnung rüttelt. Wie er sein Land ganz auf sich selbst zurückführen will. Wie er jahrzehntelange Allianzen provoziert und offen bedroht. Als würden ihm aus Freunden wie Deutschland, Frankreich, Kanada plötzlich Feinde, eine Bedrohung der nationalen Sicherheit der USA. Der 44. Gipfel der G7 im kanadischen Ferienort La Malbaie ist der Ort, an dem der Westen mit sich selber ringt. In dieser Form womöglich das letzte Mal.
Kurz vor seiner Abreise legte Trump noch rasch eine weitere Lunte an das gemeinsame Haus. Als gäbe es mit Handelsstreit, Atomdeal mit Iran, Verteidigung und Klima nicht genügend Zunder. Russland, 2014 wegen der Annexion der Krim rausgeworfen, solle wieder zur Gruppe wichtiger Industriestaaten dazukommen, forderte Trump. Ungeachtet aller internationaler Kritik an Moskau, unbeschadet der Frage, welche Rolle Russland bei der US-Wahl 2016 spielte. Als ginge es dem Amerikaner vor allem um eines: Provokation, Aufmerksamkeit, Spaltung.
Die G7 sind in einem historisch schlechten Zustand. Seit Trump drohen sie in zwei Lager zu zerfallen: Europa, Japan und Kanada hier, die USA dort. In einer Zeit tiefgreifender Umwälzungen in der Weltpolitik bleibt vom Schulterschluss einer westlichen Wertegemeinschaft nicht viel übrig. Da passt es ins Bild, dass der Amerikaner früher abreisen will.
Trump hatte schon vorab nicht verborgen, dass er keine Lust auf die zwei Tage in Kanada hat. Zu viel Gegenwind würde ihn dort erwarten und zu wenig Lobpreisung, zu wenig Aussicht auf schnelle Rendite. Er hält den Nordkorea-Gipfel am 12. Juni in Singapur für viel wichtiger. An Europäer und Kanadier sandte er vor seiner Abreise eine barsche Kampfansage: „Wir haben die schlechtesten Handelsabkommen aller Zeiten.“ Kämpfen werde er in La Malbaie für sein Land. Es klang, als seien die USA schon gar kein Teil mehr der G7.
Der französische Präsident Emmanuel Macron gab geharnischt zurück. „Dem amerikanischen Präsidenten mag es egal sein, wenn er isoliert ist – genauso wenig aber macht es uns etwas aus, eine Vereinbarung von sechs Ländern zu unterzeichnen, wenn die Notwendigkeit dazu besteht“, twitterte er. Es war erst Ende April, da galten Macron und Trump noch als eine Art neues Polit-Traumpaar. Von all der in Washington robust demonstrierten Kumpelhaftigkeit und Männlichkeit der zwei Lenker ist nun nicht mehr viel übrig. Wie Kanadas Premier Justin Trudeau muss der Franzose erkennen, dass Freundlichkeit sich bei Trump nicht auszahlt. Dass der macht, was er will.
Die Erfolgsaussichten des Gipfels waren miserabel, wollten doch die Europäer im Handelsstreit keinesfalls klein beigeben. Beim Atomabkommen mit dem Iran war ebenfalls schleierhaft, wie man wieder zusammenkommen kann. Wahrscheinlich wird es eine Abschlusserklärung von nur sechs der G7 geben – der offene Bruch. G7 minus eins. Welche Zukunft hat dieses Format noch?
Kanzlerin Agela Merkel stellt das G7-Format trotz des existenziellen Streits nicht infrage, das haben ihre Berater klar gemacht. Zumal es aus Merkels Sicht bei so wichtigen Themen wie der atomaren Abrüstung Nordkoreas oder dem Iran weitgehende inhaltliche Einigkeit auch mit den USA gibt. Ganz zu schweigen von der nach Berliner Einschätzung nötigen gemeinsamen Haltung des Westens gegenüber einem expansiven China oder beim Anti-Terror-Kampf. Das Kind dürfe nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden, wird gewarnt. Was eine Spaltung des Westens bedeuten könnte, hat die Kanzlerin kürzlich in China besichtigt. Dort setzt die Staats- und Parteiführung auf eine Totalüberwachung der Bevölkerung und pfeift auf die Menschenrechte. Die Kanzlerin sieht die G7 als Wertegemeinschaft.
Bei Trump hat Merkel längst alle Illusionen begraben. Sie glaubt nicht an ein Wunder von La Malbaie. Das etwas spielzeugburghafte Hotel „Manoir Richelieu“ wird für G7 eine prächtige Kulisse bieten, kann aber über ihren Zustand nicht hinwegtäuschen.