Altersforscher sind sich einig, dass es eine in den Genen verankerte Veranlagung geben könnte, ein hohes Alter zu erreichen. Sie brauchen aber noch zehn Jahre, um das zu entschlüsseln. Da ich nicht weiß, ob ich dann noch lebe, beantworte ich in freien Stunden gerne Testfragen zu meiner persönlichen Lebenserwartung, die es in Zeitungen, Zeitschriften wie im Internet gibt.
Ausgehend von den statistischen Daten der allgemeinen Lebenserwartung fragt der Test zu dem persönlichen Lebensstil Dinge, die manchmal gar nicht leicht zu beantworten sind. Soll man ankreuzen, ich habe keinen Stress? Oder ist es besser zu antworten: Ich finde einen gewissen Stress motivierend? Soll man ein möglichst hohes Jahresnettoeinkommen angeben? Vermutlich ja, denn es heißt doch immer: „Weil Du arm bist, musst Du früher sterben!“ Ist es besser, ich schreibe, dass ich mich gut eingebunden fühle bei meinen (weniger werdenden) engen Freunden? Oder soll ich bekennen, dass ich gerne neue Menschen kennenlerne? Und wie ist es mit der kniffligen Frage, ob man der Meinung ist, ein glückliches Sexleben zu haben?
Aber auch Fragen nach der Ernährung sind manchmal schwer zu beantworten: Esse ich wirklich mehr als 60 Gramm Gemüse täglich und Fleisch und Wurstwaren höchstens einmal pro Woche? Und auf wie viele Stunden Sport komme ich wöchentlich? Vermutlich ist es ja kein Leistungssport, wenn ich täglich mit dem Hund unterwegs bin.
In optimistischen Stunden auf dem Sofa mit einem Glas Wein in der Hand (nach Alkohol wird natürlich auch gefragt!) beantworte ich alle Fragen so positiv, dass mir neulich sogar ein Alter von 95,39 Jahren versprochen wurde. Es gibt aber auch Zeiten, in denen ich meine eigene Lebensführung eher kritisch sehe wie neulich, als ich den Test im Wartezimmer meines Zahnarztes machte. Da muss ich so viel Negatives angekreuzt haben, dass mir bescheinigt wurde, ich hätte schon seit vier Jahren tot zu sein. Zum Glück aber geben alle seriösen Tests am Ende den freundlichen Hinweis, dass die Testergebnisse nicht in Stein gemeißelt sind. Sie liefern nur Anhaltspunkte für die individuelle Lebenserwartung.
Am besten ist es, statt aller Tests hochbetagte Menschen zu fragen, ob es schön ist, so alt zu werden und wie sie es überhaupt geschafft haben? Neulich durfte ich eine Dame auf der Feier ihres 105. Geburtstages befragen. Immerhin hatte sie ca. 30 Gäste zu dieser Feier noch selber eingeladen. Sie habe bis heute gerne gelebt, sagte sie und sich vor allem viel zu Fuß bewegt. Ihr Lebensgrundsatz war: „Quäle Deinen Körper, sonst quält er Dich!“ Und für ihre Seele habe sie sich an den Satz gehalten: „Schau in die Sonne – im Mauseloch ist es düster.“ Solche Weisheiten sucht man in den Tests vergebens.
Schreiben Sie an:
ippen@ovb.net
Wie ich es sehe