Nach dem G7-Gipfel

America alone

von Redaktion

Es ist ein Bild, das bleiben wird: Donald Trump sitzt mit verschränkten Armen beim G7-Gipfel, während die um ihn stehenden Staatschefs auf ihn einreden. Er wirkt wie ein bockiges Kind, das seinen Brei nicht essen mag – ganz egal, wie geduldig ihm die Eltern zu erklären versuchen, dass dies besser für ihn wäre. Später, auf dem Flug zum umstrittenen Gipfel mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un, folgte auf die Bockigkeit dann noch eine Wutattacke. Per Tweet warf der US-Präsident alles über den Haufen, was die Staatschefs in zwei Tagen ausgehandelt hatten.

Der G7-Gipfel in La Malbaie droht damit in die Geschichte einzugehen. Leider. Vor zwei Jahren wurde Trump von den Unzufriedenen in den ländlichen Regionen der USA ins Weiße Haus gewählt, um die Machtstrukturen in Washington zu zerschlagen. Das genügt ihm offenbar nicht mehr, vielmehr scheint er Gefallen daran zu finden, auch die seit 70 Jahren gültige Nachkriegsordnung zu zertrümmern. Vielleicht auch nur, weil seine Abrissbirne auf dem sensiblen Feld der diplomatischen Beziehungen deutlich schneller vorankommt als in der hart gesottenen US-Hauptstadt. Der Politiker Trump kennt jedenfalls wie schon der Geschäftsmann weder gemeinsame Werte noch echte Verbündete, für ihn ist das Leben ein einziges Nullsummenspiel: Die USA, in erster Linie aber er selbst, können nur gewinnen, wenn andere verlieren – egal ob Freund oder Feind. Nach dem Gipfeleklat von La Malbaie scheint der Westen als Wertegemeinschaft damit am Ende. Aus „America first“ ist ein „America alone“ geworden.

Die Gewinner des Gipfeldebakels sind jene, die nicht mit am Tisch sitzen durften, allen voran Russland und China. Trump begann den Gipfel mit der Forderung, die Russen ohne Gegenleistung (!) wieder an den Tisch zu holen. Gleich im Anschluss an das Fiasko bot Wladimir Putin dem US-Präsidenten demonstrativ ein Treffen an. Die bis heute ungeklärte Frage nach der Rolle Russlands bei der Wahl Trumps scheint plötzlich aktueller denn je.

Mike Schier

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