La Malbaie/Berlin – Der Gipfel in Kanada ist lange zu Ende, da holt Donald Trump den Hammer raus. Alle Delegationen sind aus La Malbaie abgereist, die Pressekonferenzen gehalten, mühsam hatten sich die G7 zu einer gemeinsamen Erklärung durchgerungen – da platzt dem US-Präsidenten in der Air Force One der Kragen. Einmal mehr schreibt Trump Geschichte auf Twitter: Längst auf dem Weg nach Asien, zieht er stocksauer die Unterstützung des Dokuments zurück.
In zwei wuchtigen Tweets gibt der Amerikaner dem Gastgeber des G7 die Schuld, Kanadas Premier Justin Trudeau. Ein falsches Statement habe der nach dem Gipfel abgegeben, nachdem er sich zuvor so bescheiden und demütig gegeben habe. Unehrenhaft sei das und schwach, poltert Trump. Mit ihren Zöllen reagierten die USA nur auf die Handelspolitik Kanadas! Einmal mehr stellt er sein Land als Opfer dar. Schluss, Aus, also doch keine gemeinsame Erklärung. Ist das der Bruch?
Trump ist extrem empfindlich. Niemand soll ihm reinreden. Da darf Kanadas smarter Premier ihm nicht sagen, er lasse sich nicht herumschubsen. Trump will, dass nach seinen Regeln gespielt wird – nur nach seinen. Wer das nicht tut, den trifft des Dünnhäutigen Blitz. Auch aus dem Flugzeug. Mit dem Eklat von Le Malbaie treibt Trump den schon zuvor gesetzten Keil noch tiefer in die G7. Er stößt sie in eine ungewisse Zukunft. Die Gruppe großer Industriestaaten befindet sich nun auf unkartiertem Gelände. Dafür gibt es keine Notfallpläne.
Die Kanzlerin wurde davon auf dem Rückflug mitten in der Nacht überrascht. Ohne ein Wort verließ sie nach der Landung gegen 6 Uhr das Flugzeug. Ein Sprecher ließ um 6.21 Uhr ein Sieben-Worte-Statement verbreiten. Es verriet Fassungslosigkeit: „Deutschland steht zu dem gemeinsam vereinbarten Kommuniqué.“ Der Satz entsprach der Haltung der EU. Er dürfte abgestimmt gewesen sein.
Dabei war die Kanzlerin optimistischer ab- als angereist. Bis Samstagmorgen hatte das gemeinsame Kommuniqué gewackelt. Den Durchbruch brachte – zunächst – eine spontane Sechser-Stehrunde um Trump. Dort sei es um den Handelstext gegangen: In einer durchwachten Nacht war er ausgehandelt worden.
Entstanden sind dabei die Bilder des Gipfels schlechthin – vor allem eines, das Trump mit verschränkten Arm auf einem Stuhl vor der auf ihn einredenden Merkel zeigt. Gegenüber statt Miteinander. Alle versuchten, je nach Perspektive, die Bilder für sich zu deuten. Vom „Krieg der Fotos“ war in sozialen Medien sogar die Rede.
Trump sei flexibler als seine Berater aufgetreten, sagen Menschen, die dabei waren. Seine Reaktionen waren in deutschen Reihen recht positiv aufgenommen worden. Er wolle zwar Markiges für seine Anhänger liefern, aber nicht derjenige sein, der alles blockiere. Am Ende glaubte auch Merkel, dass das Kommuniqué nicht scheitern würde. Die späte Volte Trumps dürfte Merkel in ihrer Einschätzung bestätigt haben: Die Nachkriegsordnung, in der sich Deutschland und Europa blind auf die USA verlassen konnten, die ist vorbei.
Dieser ganze Gipfel, er wirkte schon zuvor wie eine monumentale Hülle. Irgendwie festgefahren die Rituale und Zeremonien, das betont kraftvolle Händeschütteln, die bunten Flaggen vor traumblauem Wasser, das „Familienfoto“. Drinnen war diese Familie rasch vom Wir zum Ihr und Ich gekommen, es muss richtig zur Sache gegangen sein – lange schon bevor Trump schließlich kurzen Prozess machte.
Einen nach dem anderen, schreibt die „New York Times“, habe sich Trump zur Brust genommen. Bitter beklagt, wo genau das jeweilige Land die USA ausnehme oder blockiere. Dann wieder seine deutschen Vorfahren erwähnt und wie sehr er Europa doch schätze. Mancher Gescholtene habe ziemlich zurückgekeilt, schreibt das Blatt.
Wie selten zuvor düpierte der Amerikaner seine Partner. Vor dem Gipfel spreizte er sich, überhaupt zu kommen. Auf dem Gipfel schenkte er allen ein, dann verließ er das Treffen satte fünf Stunden früher. Markige Drohungen stieß er aus, während drinnen noch um Formulierungen gerungen wurde. Dann entschwand er, um Stunden nach dem Ende eines hunderte Millionen teuren Gipfels sein Finale zu diktieren. Mehr Drama geht nicht.
Trudeau, wiewohl sanft lächelnd, war nach Ende des Gipfels in der Tat deutlich geworden. Aus dem Streit mit Washington hatte er keinen Hehl gemacht, war inhaltlich hart geblieben: Das mit den Zöllen, das gehe so nicht. Es war seine bekannte Position, darauf legte die Regierung in einer sachlichen Reaktion auf Trumps Wüten großen Wert.
Gleichwohl müssen sich die G7 fragen, ob die Zukunft dieses Formats tatsächlich darin bestehen kann, sich einmal im Jahr rituell in malerischer Abgeschiedenheit ihrer selbst zu vergewissern. In einigen Berichten klang Sympathie dafür an, dass Trump das langweilt. 2019 ist Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Gastgeber der G7 im schönen Biarritz.
Wenn es den edlen Club dann noch gibt.