Deutschland und die Fußball-WM

Folklore des Bangens

von Redaktion

Mexiko, Schweden, Südkorea. Diese Gegner wurden vor einem halben Jahr der deutschen Mannschaft zugelost für die Fußball-WM. Als Weltmeister (jeder Deutsche fühlt sich seit 2014 so), Sieger des Confederations Cups und mit einem Zehn-Spiele-zehn-Siege-Marsch durch die Qualifikation hat man milde gelächelt. Und wie ist die Erwartung heute, kurz bevor das WM-Turnier losgeht? Die Deutschen, so fühlt es sich an, haben den Glauben an ihre Mannschaft verloren. Und ein bisschen auch an den Wunder-Jogi. Hat Joachim Löw nicht auch graue Haare bekommen in letzter Zeit?

Ist Skepsis angesagt? Teilweise. Nicht wegen der Resultate, die die Mannschaft eingespielt hat in den vergangenen Wochen. Sie hat sich mit den Besten gemessen (Spanien, Brasilien, Frankreich, England waren darunter), sie hat keines dieser Spiele gewonnen – nicht schlimm. Sie hat gegen Österreich verloren – ein wenig peinlich, doch erklärbar: durch eigene Trainingslager-Strapazen – wohingegen es für die nicht für die WM qualifizierten Nachbarn halt das Spiel des Jahres war. Und das Nur-2:1 gegen Saudi-Arabien sollte keine Panik auslösen, denn bei einem 5:0 hätte man gesagt: Testspiel, zählt nichts. Vor der WM schlagen die Emotionen immer heftig aus – Bangen entspricht eher dem deutschen Naturell. Es ist fast schon Folklore.

Wenn man sich sorgen muss, dann, ob die Özil/Gündogan/Erdogan-Affäre auf die Mannschaft wirkt. Das Krisenmanagement hat den DFB da bislang überfordert, eine Stimmung gegen Gündogan wie beim Spiel in Leverkusen könnte kontraproduktiv sein. Aber: Wird der Fan, der nach Russland fährt, seine Mannschaft dort auspfeifen? Eher nicht. Es besteht also noch Hoffnung.

Günter Klein

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