München – Man hätte der Gesellschaft für Außenpolitik wahrlich bessere Umstände zum 70. Geburtstag gewünscht – und sie sich selbst wohl auch. Das gilt nicht nur für das veritable Gewitter samt Donnergrollen und Platzregen, der sich über die Gäste auf ihrem Weg zum Festakt in der Aula der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität ergießt. Nein, das gilt auch für die aktuelle politische Großwetterlage.
Horst Mahr, Erster Vorsitzender der Gesellschaft, erinnert an die Ausgangslage 1948, in der die Gründerväter um Waldemar von Knoeringen, Thomas Dehler und Otto Lenz im von Bomben zu weiten Teilen zerstörten München wenige Tage vor der Währungsreform die Gesellschaft für Außenpolitik ins Leben riefen: Nach dem Trauma von Krieg und Nazidiktatur setzte sich die Organisation das Ziel, parteiunabhängig außenpolitische Fragen zu erörtern und so zur Völkerverständigung beizutragen. Über 1500 Redner traten seither bei Veranstaltungen der Gesellschaft auf, rund die Hälfte aus dem Ausland.
Doch zum 70. Jubiläum ist die seit Jahrzehnten entwickelte globale liberale Ordnung in Gefahr. Vor allem auch das transatlantische Verhältnis zeigt Risse – und zwar nicht erst seit Donald Trumps Amtsantritt als Präsident, wie Nils Annen, Staatsminister im Auswärtigen Amt, in seiner Rede deutlich macht. Schon unter Barack Obama hätten Veränderungen in der zunehmend asiatisch und lateinamerikanisch geprägten US-Gesellschaft ihre Wirkung entfaltet. Doch dieser fundamentale Umbruch habe sich in den letzten Tagen unter Trump – Annen erinnert etwa an die Bilder vom G7-Treffen – noch einmal rasant beschleunigt. Ist die liberale, westlich geprägte Weltordnung, der Multilateralismus insgesamt am Ende? Und was kann Deutschland tun?
Im Verhältnis zu den USA warnt Annen davor, wegen Trump in Antiamerikanismus und scharfe Rhetorik zu verfallen. „Wir brauchen die USA und die Nato“, ist der SPD-Politiker überzeugt und kündigt eine diplomatische Amerika-Initiative an. Ab dem 3. Oktober werde man alle US-Bundesstaaten besuchen, um im direkten Kontakt mit Gouverneuren, Abgeordneten und Bürgermeistern die Bindungen zu Amerika zu festigen – jenseits der Beziehungen zur Administration in Washington, für die „Made in Germany“ inzwischen zum roten Tuch geworden sei. Deutschland müsse seine eigenen Interessen definieren und das liberale, regelbasierte internationale System mit seinen internationalen Partnern verteidigen. Dabei verfüge Deutschland nicht nur über wirtschaftliche Kraft, sondern genieße auch weltweit als Softpower hohes Ansehen, wie die Wahl in den UN-Sicherheitsrat mit 184 von 190 Stimmen eindrucksvoll gezeigt habe.
Die Welt wird komplizierter – umso mehr Anlass also für die Gesellschaft für Außenpolitik, ihre Arbeit für die Völkerverständigung in den kommenden Jahren fortzusetzen. Alexander Weber