Auf die Bahn wird gerne (und leider oft zu Recht) eingeprügelt. Also darf man sie auch mal loben: Die neue Paradestrecke München–Berlin hat sich zur Erfolgsgeschichte entwickelt. Durch die Brille eines Betriebswirts gesehen verblüfft das, denn die Markteinführung eines „Produkts“ dauert normalerweise länger. Daraus kann man mehrere Lehren ziehen: Zum einen verzeihen Reisende Pannen, wie sie zu Beginn des Projekts auftraten, sehr schnell – wenn sich Zugausfälle und Stillstände nicht dauernd wiederholen. Zum zweiten sind sie bereit, vom Flugzeug in die Bahn umzusteigen, wenn sie einen Mehrwert sehen. Der ist in diesem Fall vorhanden, weil beide Flughäfen weit außerhalb der Stadt liegen, die Bahnhöfe aber mitten in den Metropolen.
Der Zuwachs auf der Berlin-Route macht Lust auf mehr. Will man den Flugverkehr zurückdrängen, was ja nur vernünftig ist, dann benötigt Deutschland ein Hochgeschwindigkeitsnetz wie in Frankreich. Warum gibt es eigentlich keine Sprinter München–Hamburg oder München–Köln ohne unnötige Zwischenhalte in Fulda oder Ulm? Ganz zu schweigen von Express-Routen ins Ausland: München–Rom in sechs statt zehn Stunden – das wäre ein tolles EU-Zukunftsprojekt.
Dirk Walter
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