Bis zuletzt hoffte Herausforderer Muharrem Ince, seinen Kontrahenten in eine Stichwahl zwingen zu können – vergebens. Nach der Wahl in der Türkei steht Dauerregent Recep Tayyip Erdogan wieder als Sieger da, trotz schwächelnder Lira, trotz Ausnahmezustand, trotz zunehmender Willkür. Mehr noch: ausgestattet mit einer Machtfülle, über die noch kein anderer demokratisch gewählter Präsident des Landes verfügte. Fair waren die Wahlen schon deshalb nicht, weil Erdogans AKP in den großen, regierungsnahen Medien quasi dauerpräsent war, während die drangsalierte Opposition Nischen suchen musste. Aber rechtens waren sie wohl doch. Knapp 90 Prozent Wahlbeteiligung, 53 Prozent für Erdogan: Das ist deutlich.
Was das für die Zukunft der Türkei bedeutet, ist zu erahnen. Selbst wenn Erdogan sein Versprechen umsetzt und den nach dem Putschversuch verhängten Ausnahmezustand beendet, kann er als präsidialer Herrscher nun nach Belieben schalten und walten. Er ist (vorläufig) am Ziel – und für Andersdenkende wird es künftig womöglich noch schwieriger, ihre Stimme zu erheben.
Dass die Türken Erdogan trotzdem wählten, liegt auch daran: Gerade die Mittelschicht hält ihm zugute, dass es ihr besser geht als vor seiner Präsidentschaft. Das Wahlverhalten der Deutschtürken, die mit 65 Prozent für Erdogan stimmten, ist damit aber noch nicht erklärt. Ihr Votum schmeckt jedenfalls nach einer argen Geringschätzung der liberal-demokratischen Werte jenes Landes, in dem sie frei und unbescholten leben. Darüber sollten wir uns Gedanken machen, umso mehr, als etwa die Türken in den USA Erdogan mit großer Mehrheit eine heftige Abfuhr erteilt haben. Im Land des Donald Trump scheinen sie besser zu verstehen, was Demokratie wert ist.
Marcus Mäckler
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