„In der Politik geht es manchmal rau zu“

von Redaktion

Ein seltsames Interview: Bundeskanzlerin Merkel im ZDF – Stunden vor den entscheidenden Sitzungen des Sonntags

München/Berlin – In der Disziplin „Wie gebe ich ein Interview, wenn ich nichts Neues zu sagen habe?“ können alle Spitzenpolitiker auf jahrzehntelange Erfahrung zurückblicken. Auch Angela Merkel bringt es darin zu beträchtlichen Erfolgen. Aber was sich da am Sonntagabend um kurz nach 19 Uhr im ZDF abspielt, dürfte es in dieser Form auch noch nicht gegeben haben.

Da sitzt also die Bundeskanzlerin im TV-Studio und soll reden. Über ihre Brüsseler Verhandlungsergebnisse beim Thema Asyl und Migration. Über den Streit zwischen CDU und CSU. Und über die Zukunft des Mannes, mit dem ihre eigene Zukunft und die der Bundesregierung schicksalhaft verbunden scheint: Horst Lorenz Seehofer.

Aber es gibt ein Problem. Das Interview wurde schon um kurz nach 14 Uhr aufgezeichnet. Vor den entscheidenden Sitzungen der beiden Parteispitzen in Berlin und München. Vor Seehofers Entscheidung, ob er nun auf die direkte Zurückweisung von bereits registrierten Flüchtlingen an den Grenzen verzichtet. Ob er nachgibt oder Merkel oder niemand. Es ist, als wolle man einen Film besprechen, den noch keiner gesehen hat. Oder der noch gar nicht gedreht ist.

So entstehen teils bizarre Dialoge. Ob Seehofer am Abend noch Innenminister sei, will Moderatorin Bettina Schausten wissen. Sie werde alles daran setzen, dass man Ergebnisse habe, sagt Merkel nebulös. Ob sie bereit sei, im Bundestag die Vertrauensfrage zu stellen, um die Fronten in der Union zu klären? Da gelingt Merkel eine Antwort, die man auch nach zweimaligem Hören nicht in einen zusammenfassenden Satz kriegt.

Andererseits: Zu viel Spott ist auch nicht angebracht. Was soll sie auch sagen? Selbst zum Zeitpunkt der Ausstrahlung ist nicht klar, was die CSU-Führung in München nun beschließen wird. Merkel ihrerseits sitzt mit ihrem Parteipräsidium am Abend in Berlin zusammen. Die Kanzlerin spricht dort laut Teilnehmern – wie auch schon beim Interview Stunden zuvor – von einer „sehr ernsten Situation“.

Klar wird auch: Merkel hat ihre Führungskräfte wieder um sich geschart, für den Moment jedenfalls erhält sie die Rückendeckung des Präsidiums. Selbst Merkel-kritische Abgeordnete wie der CDU-Innenexperte Armin Schuster loben ihre Verhandlungsergebnisse auf EU-Ebene, die den Weg zu einer deutlich restriktiveren Asylpolitik ebnen.

Also wird diese gute Viertelstunde „Sommer-Interview“ stattdessen zu einem Lehrstück über Merkels Art und Weise, mit heiklen Situationen umzugehen. Lange Sätze, ernster Blick. Keine Formulierungen, die hängen bleiben. Schon nach der Brüsseler Verhandlungsnacht am Freitagmorgen hat sie ihre Deutung der Dinge präsentiert. Die CSU habe sie angespornt, in der Politik gehe es eben manchmal rau zu. Mit den Ergebnissen sei sie zufrieden. Und natürlich sei die Union eine „Erfolgsgeschichte für Deutschland“.

So rumpeln die Minuten dahin. Zwischendurch fallen dann wieder Sätze, beiläufig gesprochen, die aufhorchen lassen. „Europa ist langsam“, sagt Merkel. Und: „Auch nach diesem Gipfel ist das Thema nicht gelöst.“ Nur: Was das bedeutet, weiß sie da selbst noch nicht. Maximilian Heim

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