Berichte: Nordkorea führt Atomprogramm heimlich weiter

von Redaktion

US-Geheimdienste haben wohl Hinweise darauf, dass Pjöngjang Teile seines atomaren Materials behalten will – Trump zerstreut Zweifel

München – Die Aktion war ein politisches Symbol und sie verfehlte ihre Wirkung nicht. Kurz vor dem Gipfel mit US-Präsident Donald Trump ließ Nordkoreas Machthaber Kim Jong-Un die Anlage Punggye Ri sprengen, auf der das Regime sechs Atomtests hatte durchführen lassen. Journalisten aus den USA, China und anderen Ländern waren dazu eingeladen und verbreiteten im Anschluss die frohe Botschaft: Kim meint es ernst mit der Denuklearisierung.

Manche Experten unkten zwar, das Gelände sei ohnehin unbrauchbar gewesen. Aber das Symbol war stark, zumal Kim später beim Treffen mit Trump ausdrücklich in die völlige nukleare Abrüstung des Landes einwilligte. Trump twitterte nach dem Gipfel: „Nordkorea ist jetzt keine nukleare Bedrohung mehr.“

Bisher ist die zerstörte Testanlage der einzige handfeste Beleg für den guten Willen Pjöngjangs. Das hat einen Grund: Denn inzwischen gibt es Hinweise darauf, dass das Land sein Atomprogramm im Verborgenen weiterführt.

Die Nachrichtenseite „38 North“, die sich auf Nordkorea spezialisiert hat, meldete vor einigen Tagen, dass das Regime an der Aufbereitungsanlage Yongbyon arbeite. Dort werde unter anderem das Kühlsystem für die Produktion von Plutonium verbessert, wie Satellitenbilder zeigten. Am Wochenende berichteten US-Medien dann, die Geheimdienste hätten ernsthafte Zweifel an Nordkoreas Bekenntnis zur atomaren Abrüstung. Mehr noch: Das Land wolle – entgegen der Gipfel-Absprachen – Teile seines atomaren Materials behalten.

Die „Washington Post“ zum Beispiel schrieb unter Berufung auf Geheimdienst-Kreise, es gebe Hinweise auf geheime Produktionsstätten. Außerdem entwickele Pjöngjang Methoden, um die Herstellung von Atomwaffen zu verschleiern. NBC berichtete zudem, Nordkorea habe die Anreicherung waffenfähigen Urans hochgefahren. Ein Regierungsvertreter sagte dem Sender, es gebe „keinen Beweis“, dass Pjöngjang seinen Atomwaffenbestand reduziere oder die Produktion zurückgefahren habe – aber „eindeutige Beweise“, dass es versuche, die USA zu täuschen.

Ganz überraschend wäre das nicht. Die Vereinbarung, die Kim und Trump am 12. Juni in Singapur getroffen haben, ist so löcherig, dass sie der Regierung in Pjöngjang einigen Spielraum lässt. Die ursprüngliche US-Forderung nach einer „überprüfbaren und unumkehrbaren“ Denuklearisierung taucht im Abschlussdokument nicht auf, einen Zeitplan oder Kontrollmaßnahmen sucht man vergeblich. Die Erfahrung zeigt, dass Zusagen Nordkoreas mit Vorsicht zu genießen sind. Sowohl Kims Vater als auch sein Großvater hatten zu ihrer Zeit Abrüstungs-Vereinbarungen mit den USA gebrochen.

„Wir haben erlebt, wie sich die Nordkoreaner in der Vergangenheit verhalten haben“, sagte Trumps nationaler Sicherheitsberater John Bolton dem US-Sender Fox News in einem Interview. „Keiner, der an diesen Verhandlungen beteiligt ist, ist naiv.“ Nun gehe es darum, alle Mittel einzusetzen, „um zu verstehen, was Nordkorea gerade macht“.

Der Erste, der das in die Hand nehmen könnte, heißt Mike Pompeo. Der US-Außenminister bricht am Donnerstag nach Pjöngjang auf, um Machthaber Kim zu treffen. Offiziell geht es darum, Einzelheiten der Denuklearisierung zu besprechen und „weitere Fortschritte“ zu erreichen, wie es aus dem Weißen Haus heißt. Aber die Hinweise der Geheimdienste wird Pompeo nicht ignorieren können.

Nur einer zeigt sich weiterhin unbeeindruckt: der US-Präsident. In einem Interview mit Fox News versuchte er am Sonntag, Zweifel an den guten Absichten Pjöngjangs zu zerstreuen. „Ich glaube, sie wollen es tun“, sagt er. Gestern legte er dann bei Twitter nach. Es gebe „viele gute Gespräche“, schrieb er, ganz Asien sei glücklich. „Wenn ich nicht wäre, wären wir jetzt im Krieg mit Nordkorea.“ Beobachter sehen das etwas anders. So schreibt etwa die „Washington Post“: „Trumps großer Nordkorea-Deal stellt sich schon jetzt als Täuschung heraus.“ Marcus Mäckler

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